SCHAM war das Gefühl, das den jungen Marx dem Regime gegenüber
erfüllte, welches am Vorabend der Revolution von 1848 die Menschheit
einengte. Scham gegenüber der schamlosen, beispiellosen Ausbeutung,
die mit der Industriellen Revolution einherging. Und Scham natürlich
auch gegenüber der Schwächlichkeit, der Eitelkeit, den Intrigen,
der Verlogenheit der Opposition, der Linken von damals. "Die
Scham ist schon eine Revolution" schrieb er im März 1843
an den skeptischen Arnold Ruge (in den seitdem berühmt gewordenen
Deutsch-Französischen Jahrbüchern). Er sah sie als ein nach
innen gekehrter Zorn an, die, falls sie sich der gesamten Gesellschaft
bemächtigen sollte, ein Löwe wäre, der seine Kräfte
vor dem Sprung sammelt. Und er sah es als eine Sache an, die Scham
zu vertiefen und zu verbreiten.
Das war nun vor hundertfünfzig Jahre und wer weiß, an welchem
Vorabend was für einer Revolution wir im Moment stehen, aber
die Scham ist in jeder Hinsicht noch genauso berechtigt: dieselbe
schamlose Ausbeutung, aber nun mit unendlich mehr technologischen
Mitteln - und vernichtender Kraft; dieselbe Schwächlichkeit,
Eitelkeit, Verlogenheit der Opposition, wie 'links' auch immer. Und
wir müssen uns um so mehr zutiefst schämen, in dem Maße,
wie wir uns weiterhin von der linken Ideologie1 vereinnahmen lassen,
von dem leninistischen oder nicht-leninistischen Marxismus bis hin
zur Befreiungstheologie, einschließlich des Anarchismus' oder
einer Mischung aus all dem, wie es der Zapatismus ist.
Obwohl nach bestimmten Statistiken die Menschen in den Niederlanden
im allgemeinen "zufrieden" sind und die Reihen der Unzufriedenen
zu schwinden scheinen, gibt es ebensogut Anzeichen, die darauf hinweisen,
daß das kritische Bewußtsein zunimmt. Während mensch
sich immer weniger durch ihre/seine VertreterInnen vertreten fühlt,
beginnt die Institution der Vertretung selbst immer mehr in Mißkredit
zu geraten. Nicht nur die ArbeiterInnen sind skeptischer geworden,
der Begriff 'Arbeit' selbst hat an Glanz verloren. Es scheint nicht
nur immer schwieriger, AktivistInnen auf die Beine zu kriegen, der
Aktivismus selbst wird immer mehr ins Visier genommen. Auch hier hat
mensch entdeckt, daß die Ideologie etwas falsch gemacht hat.
(Es wird langsam Zeit!)
SOLIDARITÄTSKOMITEE IN AUFLÖSUNG
Diesem
Zeitgeist völlig entsprechend sind wir innerhalb des Amsterdamer
Solidaritätskomitees Mexico - nicht ohne Schmerzen oder Mühen
- zu der Schlußfolgerung gekommen, daß die gesamte Solidaritätsbewegung,
die anläßlich des Zapatistischen Aufstandes im Januar 1994
entstanden ist, im Laufe der Jahre dermaßen von der zapatistischen
Ideologie [siehe Fußnote 1] durchdrungen wurde, daß
es besser war, alle organisatorischen Verbindungen damit abzubrechen.
Jeroen, einer der drei übrigbleibenden Mitglieder unseres Komitees,
schrieb bereits im November 1998 darüber in dem Artikel "Solidarisch
zu welchem Preis? Über die Kritiklosigkeit in der Solidaritätsbewegung
mit den ZapatistInnen".(2)
Weil ich mit
Skepsis, aber auch mit Haut und Haar, an allem teilgenommen habe,
finde ich, daß ich mich jetzt nicht lautlos davonschleichen
und alles stehen- und liegenlassen kann, auch wenn ich das zugleich
gerne wollte. Eine gewisse Müdigkeit, Enttäuschung und
vor allem ein Gefühl zu scheitern, hat langsam aber sicher
den Platz der ursprünglichen Begeisterung eingenommen. Die
Geschichte hat sich wieder einmal wiederholt... wie die soundsovielte
menschliche Tragödie. Die SoldatInnen der Zapatistischen Armee,
die am 1. Januar 1994 so stolz die papierenen Beweise ihrer Unterdrückung
aus dem Rathaus von San Cristóbal auf die Straße warfen,
haben sich nun in den Bergen verschanzt und ihre Umzingelung wird
jeden Tag erwürgender. Die zapatistischen Gemeinden wehren
sich ganz tapfer - mit dem Mut der Verzweiflung - aber können
das stetige Vorstoßen der Bundesarmee nicht mehr aufhalten.
Jeden Tag dringt die Bundesarmee wieder in neue Dörfer ein,
immer tiefer in den Urwald. Jeden Tag werden die zapatistischen
Gemeinden wieder ausgesetzt an Demütigungen durch die Armee
und an Massaker von privaten Kleinarmeen, die sich wie giftige Pilze
aus dem fruchtbaren Boden aus Unmut, aussichtsloser Armut und enttäuschter
Erwartungen erheben. Ausländische WahrnemerInnen - ZuschauerInnen
- werden immer offener ferngehalten. Die mexikanischen PolitikerInnen
nehmen, so, wie es sich geziemt für die VertreterInnen der
politischen Ökonomie (die sie als "Neoliberalismus"
bezeichnen) große Ausdrücke wie "Souveränität"
und "Balkanisierung" in den Mund; ein gefundenes Fressen
für ihre europäischen KollegInnen. Vor allem der Ausdruck
"Balkanisierung" macht sich natürlich gut in Diskussionen
über die "Schändung der Menschenrechte".
Gegen
den schönen Schein
In
einem vorigen Artikel, "Gegen den schönen Schein",
in dem ZAPATA. Mexico Nieuwsbrief, unserem Organ unseres Komitees,
konnte ich bereits zu keiner anderen Schlußfolgerung kommen:
diese Tragödie ist nicht allein der Grausamkeit des Gegners
zu verdanken, sondern auch den Mängeln der gesamten zapatistischen
Bewegung, von der CCRI bis zur FZLN und der gesamten Solidaritätsbewegung,
einschließlich unseres eigenen Komitees: "Während
die ZapatistInnen immer mehr in politische Kompromisse verwickelt
werden, rückt der schmutzige Krieg immer weiter vor. Weder
die mit viel Publizität umgebene Gründung der FZLN noch
die Karawane der 1111 Zapatistas durch ganz Südmexiko zu der
Hauptstadt, noch die feierliche Zweite Versammlung des Nationalen
IndianerInnenkongresses, die sich allemal Mitte September (1997)
(3) in Mexiko-Stadt begegneten, hat das verhindern können.
Noch die gesamte zapatistische Bewegung in der übrigen Welt.
Weder die Consola's noch die Krivines oder die Mitterands (4),
noch das 'Netzwerk', noch selbst der Papst, noch wir haben das Blutbad
von Acteal verhindern können. Und werden auch das folgende
nicht verhindern." (5) Durch sich dennoch weiterhin
kritiklos hinter den stets einschränkender werdenden Forderungen
der Zapatistas zu stellen, verschleiert die Solidaritätsbewegung
diese grausame Wirklichkeit. Und durch die Institutionalisierung
(=Bürokratisierung) der Bewegung ist sie, anstatt ein Mittel
zur Kommunikation zu werden, immer mehr ein Hindernis geworden.
Und dann ist die Zeit gekommen, um aufzubrechen und andere Wege
zu suchen.
Erwartungen
und Illusionen
Ich
war eine derjenigen, die etwas in dem Aufstand vom 1. Januar 1994
zu erkennen meinten: die ersten Bilder aus San Cristóbal,
wo die Menschen auf dem Platz vor dem Rathaus bis zu ihren Knöcheln
in den Papieren wateten, welche die Aufständischen nach draußen
geworfen hatten, riefen Erinnerungen an frühere Aufstände
hervor. Erinnerungen an Bakunin und seine Genossen, die im September
1870 in Lyon das Rathaus stürmten und alle offizielle Papiere
aus den Fenstern warfen, um vom Balkon aus die Kommune auszurufen;
oder an Malatesta, der 7 Jahre später mit einer Bande Genossen
in der Gegend von Neapel in den Monte Matese [Gebiet in Italien]
einzog, um mit wehender roter Fahne (die damals noch nicht durch
den Marxismus-Leninismus und solchen Theorien verseucht war) dasselbe
zu tun und um in einen Dorf nach dem anderen die soziale Revolution
zu verkünden; oder an die unzähligen anarchistischen Aufstände
in Spanien, denen erst durch Franco und die Unterstützung,
die er dabei von allen Staaten erfuhr, ein Ende gemacht wurde...
Wir sahen Bilder von Waren aus geplünderten Läden, die
auf dem Marktplatz zum Aufsammeln lagen; und bewaffnete Zapatistas,
BürgerInnen, Frauen, Kinder, TouristInnen, die in festlicher
Stimmung durcheinanderliefen.
IndianerInnen
aus dem Süden Mexikos, die sich auf Zapata beriefen, hatten
von neuem dem System, unter dem sie noch immer gebückt gingen,
seitdem die erste Zapatistische Revolution mißlang, den Krieg
erklärt. Mit wenigen Waffen, aber dem Mut, das Abenteuer zu
beginnen, schlugen sie eine Bresche in die Mauer der Gleichgültigkeit,
hinter der mensch sie lebend begraben wollte (so daß von ihrem
Gebiet nach einer Weile nichts anderes mehr übrig bleiben würde
als die prächtigen Ruinen von Palenque und Bonampak, verziert
mit Ton- und Lichtspielen und in Trachten gesteckte 'Nachkommen
der Mayas', und im Hintergrund eine imposante alles - die Landschaft
und die Menschen - beherrschende Ölindustrie und Konsorten
nach dem Model von PEMEX, die dabei ist, das Gebiet am mexikanischen
Golf zu vergiften, und nach dem Model der 'maquiladoras', dem postmodernen
ökonomischen Dschungel, der jetzt schon das nördliche
Grenzgebiet Mexikos überwuchert).
Überall,
wo der Aufstand beginnt, öffnet dieser nie gekannte Perspektiven,
ob das nun in Mexiko am 1. Januar 1994 oder in Frankreich im Dezember
1995 ist, oder in Albanien im März 1997 usw. Die Aufstände
in Frankreich (nun ja, 'Aufstand'... eher der klitzekleine Beginn
von etwas, was vielleicht ein Aufstand hätte werden können)
und hauptsächlich in Albanien waren zwar 'spontan' und der
Aufstand der Zapatistas war zehn Jahre vorbereitet, mit einer ordentlichen
Armee und so - aber das macht den Aufstand nicht weniger legitim
und nicht weniger notwendig. Außerdem legte die Armee die
Betonung auf ihre Vorläufigkeit und ihre Bereitschaft oder
selbst ihr Verlangen, in einen größeren Kampf aufzugehen.
Es war sicher ungewöhnlich, daß sich eine Guerillabewegung
so explizit von ihrer Avantgarde-Rolle löste. Die Zapatistas
erklärten, daß sie nicht auf die Macht aus waren; daß
es ihnen nichts ausmachte, wer an die Macht kam; daß sie weiter
kämpfen würden bis ihre Forderungen (6) verwirklicht
waren; und daß sie das Gelingen ihres Kampfes für unlösbar
verbunden sehen mit den Kämpfen von allen. Und dieser Kampf
wird immer dringender, nicht nur für sie, sondern für
uns alle.
Ich war eine
der vielen, die sich angesprochen fühlte durch den Aufruf der
Zapatistas, um mit ihnen zu kämpfen und auch zu denken, um
ihr Schicksal - und unsere gemeinsame Zukunft - zum Guten zu wenden.
Natürlich war ich gleichzeitig auch skeptisch, u.a. über
die Tatsache, daß die Zapatistas in all ihren Aufrufen, außer
ihrem ersten, ihrer Kriegserklärung, nicht nur alle Völker,
sondern auch alle Regierungen der Welt ansprachen. Da schleicht
sich in ihrem Versuch zu einem Dialog mit den "Menschen ohne
Stimme und ohne Gesicht" bereits eine Doppeldeutigkeit ein.
Ich glaubte damals jedoch gleichzeitig, daß die Dynamik der
Bewegung solche Widersprüche überwinden könnte. Aber
anstelle dessen häuften sich die Doppeldeutigkeiten und Widersprüche.
Wenn du die ZAPATA von vorne bis hinten durchliest, kannst du übrigens
merken, daß wir uns daüber allmählich bewußt
geworden sind, und infolgedessen auch Stellung bezogen haben. Allerdings
mußt du hinterher feststellen, daß wir anfangs sicherlich
durch eine gewisse Schüchternheit oder eine andere Form von
Unfähigkeit befangen waren, eine direkte Kritik den Zapatistas
gegenüber zu formulieren, obwohl uns die Einseitigkeit des
Dialoges mit den Zapatistas schon bewußt war. Und daß
da der Schuh drückte. Mit Hilfe bestimmter Organisationsstrukturen,
über die die 'Linke' [vgl. Fußnote 1] verfügt, versucht
sie allgemein die Kommunikation zu bestimmen und auch zu steuern.
Seit dem Zusammenbruch des "real-existierenden Sozialismus"
und den damit zusammenhängenden Enttäuschungen ist diese
morsche 'Linke' [vgl. Fußnote 1] auf der Suche nach ansprechenden
Alternativen, um ihr angeschlagenes Image zu stützen. Und auf
der Suche danach, wem sie denn ihre Strukturen anbieten kann, so
daß ihre 'hohen Tiere' weiterhin auf ihren Posten bleiben
können.
Ebenso verhält
es sich mit der sogenannten anti-stalinistischen Linken à
la Vierte Internationale (die in Mexiko schon seit der Zeit von
Trotski mehr Einfluß hatte als anderswo); den vielen RatgeberInnen
und VertreterInnen von politischen oder humanitären Organisationen,
die den Zapatistas keine andere Perspektive bieten als eine parlamentarische
Demokratie; und - nicht zu vergessen - dem linken Flügel der
katholischen Kirche, die der 'Befreiungstheologie' unter der rührseligen
Führung von Bischof Samuel Ruiz anhängt.
Bereits im August
1994 bei der ersten Nationalen Demokratischen Konvention im Aguascalientes
(7) von Guadalupe Tepeyac, im Zapatistagebied, war zu sehen,
wie die neue Bewegung in alten Strukturen gefangen wurde. Sechstausend
Delegierte aller möglichen Strömungen kamen da zusammen,
um über mögliche Alternativen für das nahezu bankrotte
Regime zu diskutieren. Während Subcomandante Marcos damals
noch die außerparlamentarischen Kräfte betonte, 'die
Stimme derjenigen, die keine Stimme haben', und eher den Einfallsreichtum
der Millionen Menschen in Anspruch zu nehmen schien, die in ihrem
Dorf oder in ihrem Viertel, in der Gruppe oder einzeln mehr oder
weniger im Widerstand lebten, wurde der Antiklimax des ganzen Ereignisses
der Aufruf, 'gegen die PRI zu stimmen', anstatt Möglichkeiten
zu schaffen, um die Parole von 'Land und Freiheit' zu verwirklichen.
Hinterher haben wir vernommen, daß die 'Organisation' dieser
Konvention auch mächtig ihr bestes getan hat, um alles, was
außerparlamentarisch oder irgendwie radikal war, auszuschließen.
Und seitdem haben wir immer wieder, bei jedem Ereignis, wozu die
Zapatistas die Initiative ergriffen, sehen können (aber dies
leider lange nicht immer oder wir haben dies nicht rechtzeitig durchschaut),
wie die hier oben beschriebene Linke von sich aus Schlüsselpositionen
einnahm, da ihre Strukturen nun einmal bereits bestanden, in den
Dörfern, in den Vierteln, in Frauen- und Umweltschutzgruppen
usw.; und weil diese Strukturen weder durch die Zapatistas noch
durch das Gros ihrer SympatisantInnen zur Diskussion gestellt werden.
Mensch denkt, davon Gebrauch machen zu können und wird dadurch
benutzt.
Der
unkontrollierte Kampf und der Kampf um die Kontrolle
Inzwischen
nahm der 'wilde', unkontrollierte Kampf an der Basis im ersten Jahr
des Zapatistischen Aufstandes einen mächtigen Aufschwung. In
Chiapas, ebenso wie in anderen Bundesstaaten Mexikos wurden enorme
Plantagen besetzt und GroßgrundbesitzerInnen durch die LandarbeiterInnen
verjagt, die das Heft in die eigene Hand nahmen und sagten, durch
die Zapatistas inspiriert zu sein. Inmitten der Kampagne für
die Präsidentschaftswahlen von 1994 ließen die Zapatistas
durch den Mund Subcomandante Marcos' wissen, daß die Flirterei
von der 'demokratischen' PRD und ihren designierten Präsidentschaftskandidaten
Cuauthémoc Cardenas nicht dienlich sei. Überall wuchs
die Unruhe derart, daß du hoffen konntest, daß diese
Dynamik die parlamentarischen Illusionen bald hinwegfegen würde.
Als es den Zapatistas
im Dezember 1994 gelang, die Umzingelung ihres Gebietes durch die
Bundesarmee zu durchbrechen und in 38 Gemeinden in der Umgebung
bei dem feierlichen Ausrufen ihrer eigenen Demokratie anwesend zu
sein, als die Situation in Chiapas wackelig wurde und ein BürgerInnenkrieg
drohte, zog Cardenas, der die Wahlen (betrügerisch) verloren
hat, wieder zum Lacadona-Wald, um dort Marcos zu treffen (und dieses
Mal wurde er anscheinend besser empfangen; die Geschichte erzählt
nicht, was die zwei sich zu sagen hatten). Javier Elorriaga, der
zukünftige Führer der FZLN, spielte sich als Kontaktmann
zwischen Subcomandante Marcos und dem damaligen Innenminister Esteban
Moctezuma auf. Samuel Ruiz ging selbst, um die Kriegsgefahr zu bannen,
in den Hungerstreik.
Aber so etwas
machte er nicht, als die Zapatistas am 9. Februar 1995, nachdem
sie dem moralischen Druck wiedergegeben hatten und geheimen Besprechungen
mit Vertretern der Regierung zugestimmt hatten, plötzlich und
auf die heimtückischste Weise als 'TerroristInnen' verfolgt
wurden und die Bundesarmee in ihr Gebiet einfiel.
Seit der Invasion
ist die Position der Zapatistas gewaltig geschwächt und sie
oder zumindest das CCRI-CG der EZLN und ihre WortführerInnen
paktieren stets deutlicher mit den erhofften NachfolgerInnen der
PRI in Mexiko und mit post-stalinistischen Parteien und dem linken
Establishment in Europa.
Die
Scheuklappen der 'Solidarität'
Seit
der Invasion wuchs auch die Solidarität von denjenigen, die
direkt durch den Kampf der Zapatistas 'gerührt' waren oder
sich selbst darin wiederfanden. Die ansprechenden Parolen "¡Ya
Basta!", "Alles für alle", "Gehorchend
befehlen" ließen viele träumen von einer besseren
Welt, "in der viele Welten passen". Es entstand eine Art
'Harmoniemodell', eine Bewegung, die in ihrer Allgemeinheit geglaubt
hatte, die alten Widersprüche der Linken überwinden zu
können, indem sie negiert werden. "Bereits während
des ersten Plenums [Ende Januar 1996 in Paris bei dem fünften
Zusammentreffen europäischer Gruppen, die sich solidarisch
mit den Zapatistas erklärt hatten] kam es zu einer Konfrontation
zwischen 'ZentralistInnen' und 'AnarchistInnen' aus Zürich,
die jedoch durch die Organisation sofort, noch bevor wir kapiert
hatten, was los war, beschwichtigt wurde. (Später hörten
wir in allerlei inoffiziellen Gesprächen unerfreuliche Geschichten
über Boykott und Bedrohungen, so wie wir dies schon von allerlei
stalinistischen Gruppierungen kennen, wenn diese irgendwo ihre Nase
in etwas stecken.) Außerdem versuchten diese 'ZentralistInnen'
der UMES (Unión Mexicana de Suiza) sich als VertreterInnen
des IndianerInnen-Forums zu präsentieren, das Anfang Januar
auf Initiative der Zapatistas in San Cristóbal de las Casas
gehalten wurde. Aber darauf ging niemand ein. Ich finde, daß
solche Gruppen ausgeschlossen werden müssen. Basta!" (8).
Viel Resonanz fand solch ein 'basta' allerdings nicht. Selbst die
GenossInnen der anarcho-syndikalistischen Solidaridad Directa aus
Zürich, die sich in einem heftigen Konkurrenzstreit mit der
UMES befindet, wollten diese nicht öffentlich im Stich lassen.
(Infolgedessen hat 'das hohe Tier' Gerardo von der UMES inzwischen
die Funktion als Vermittler und Vertreter der FZLN in Europa ungehindert
erobern können.) Derartige Machenschaften und mitschuldige
Toleranz waren leider nicht außergewöhnlich und haben
den Ablauf der Zapatistischen Bewegung zu einem großen Teil
bestimmt.
Eine der wenigen Ausnahmen dieser Regel war zum Beispiel die griechische
Iniciativa de Solidaridad con la Lucha Zapatista, die besonders
den Nationalismus der Zapatistas anprangerte und eindringliche Fragen
bezüglich der Intentionen der EZLN stellte: "Laßt
uns nicht vergessen, daß die Bolschewisten ihre Diktatur mit
Parolen wie 'Land, Brot und Friede' sowie 'Alle Macht den Räten'
gefestigt haben".(9)
Obwohl sicherlich
in den ersten Jahren die freiheitsliebende Tendenz in der Solidaritätsbewegung
rund um die Zapatistas groß genug war und es ihr nicht an
Ideen fehlte, schien sie unfähig, aus den bestehenden linken
Strukturen als auch aus ihrem Gedankengut auszubrechen. Es wurde
schon vernünftige Kritik an den Staat, an der Politik und am
Militantentum im allgemeinen geübt: "Was wir von der Politik
(dem Verfall der menschlichen Verhältnisse) geerbt haben, ist
ein menschliches Wesen, das jeder Entscheidungskraft entbehrt, und
das von den anderen und sich selbst abgesondert ist, wie in der
ArbeitnehmerInnenschaft, dem Lohndienst. Was wiederum die Notwendigkeit
eines Staates, einer Hierarchie, von Ideologien und ihrem üblichen
Anhang, in der Form von ArmeeanhängerInnen geltend macht. Die
linken Militanten formen in diesem Kontext eine oppositionelle Splitterpartei
derjenigen, die mit dem Staat vorliebnehmen." So drückten
es unsere GenossInnen des Komitees 'Coeuille le Jour [genieße
den Augenblick/das Heute]' aus Rouen in ihrem Beitrag zum Intergalático
aus. Und so gibt es noch eine ganze Menge Beispiele zu nennen. Aber
die Staatsorientierten, die 'Cuba si'-Bewegung, die italienischen
'recycelten' KommunistInnen usw. blieben auch dort und bestimmten
in der Folge die Richtung, weil mensch das zuließ. Weil mensch
sie als GenossInnen ansah und nicht als GegnerInnen, die solche
freiheitsliebenden Ideen nur als 'abweichende Meinungen' sehen können,
die sie erst ernst nehmen, wenn ihre Positionen dadurch gefährdet
werden.
Diese Positionen
sind jedoch überhaupt nicht gefährdet und sie sind nur
sporadisch zur Diskussion gestellt worden. So wie es das Collectif
Chiapas aus Lüttich tat, als es in einen angeregten Moment
bei den Vorbereitungen für eine europäisches 'Intergalático'
mit einer Art Manifest daherkam "gegen Formalismus und Rigidität.
Gegen die Anfälle der Plenumskrankheit [d.h. einer Wut, alles
im Plenum besprechen zu müssen; Anm. d.Ü.], die einer
Megaorganisation eigen ist, die alle menschliche Energie und jeden
Willen zum Austausch zu ihrem eigenen Gunsten auffrißt [...].
Für ein Interkontinentales Treffen, wo der Zeitraum kein Hindernis
für das Wort und die Teilnahme darstellt, ein Interkontinentales
Treffen, das den ersten Schritt zu einem Netzwerk des Widerstandes
macht, ein Interkontinentales Treffen, dessen 'Schlußfolgerungen'
vielfältig, persönlich und nicht im voraus abgefaßt
sind. Außerdem, warum Schlußfolgerungen? Warum Absichtserklärungen?
Sitzen wir etwa in der UNO oder egal welcher anderen überstaatlichen
Institution? Feuer und Flamme all den Papieren! Verschiedene Kollektive
haben Pläne, wie sie diese Gelegenheit zum Leben, zum Feiern,
zum Machen neuer Entdeckungen ausfüllen wollen. Warum den schmalen
Weg der Exklusivität wählen auf Kosten des anderen, menschlichen
Weges der Verschiedenheit?" Und auch unser eigenes Komitee
fand in einem schriftlichen Beitrag zu einem der 'vorbereitenden
Plena', daß "das Zweite Interkontinentale Treffen einen
Raum schaffen muß, wo 'diejenigen ohne Stimme' Gedanken austauschen
können über die Wirkungen des Neoliberalismus und den
konkreten Kampf dagegen [...] einen offenen Raum, um zu reden, nachzudenken
und zu träumen über eine Welt ohne Papiere und ohne Grenzen,
ohne Gott und ohne Meister, und ohne 'VertreterInnen'."
(10)
Anträge
so wie die aus Lüttich wurden jedoch überstimmt und schriftliche
Beiträge wie die unseren ließ mensch heimlich verschwinden.
Und das haben wir zum großen Teil geschehen lassen. Viele
haben sich zurückgezogen, einige haben murrend mitgemacht.
Es sollten übrigens
keine Mißverständnisse darüber aufkommen, als ob
eine libertäre Ideologie irgendeine Garantie für eine
weniger autoritäre Haltung bieten würde. Das hat Jeroen
zum Beispiel ausgezeichnet in seinem Bericht über die Reibereien
mit dem anarchistischen Kollektiv Amor y Rabia [Liebe und Wut, Anm.
d.Ü.] aus Mexiko erklärt: unter der Maske der 'direkten
Solidarität' wurde in einer IndianerInnengemeinde im zapatistischen
Dschungel durch Mitglieder und im Namen dieses Kollektivs ein wenig
der Bonze herausgekehrt. "Das traurigste an dieser ganzen Geschichte
finde ich nicht so sehr meine eigene Enttäuschung, sondern
die Tatsache, daß sowohl die Menschen von Amor y Rabia als
auch die Führung der EZLN und Mitglieder von Solidaritätsgruppen
dieser Angelegenheit so wenig Bedeutung beigemessen haben. Selbstkritik
und Selbstrelativierung sind Eigenschaften, die du selten in der
Linken oder in der Solidaritätsbewegung (in welchem Land oder
welcher Gruppe dann auch immer) zurückfindest. Es wird höchste
Zeit, daß mensch die Scheuklappen abwirft." (11)
Der
Traum vom Absoluten
Ein
Beispiel einer 'abweichenden Meinung' und zweifellos die 'romantischste'
Initiative war das Projekt: Ein Boot.. eine Flotte für Chiapas.
Entstanden in der ersten Begeisterung, die durch den Aufstand der
Zapatistas ausgelöst war, aus dem Bedürfnis heraus, "die
Kommunikation zwischen Europa und Chiapas und zwischen den verschiedenen
Erfahrungen und Kampfformen hier zu fördern", wurde es
nach und nach eine schräge Manier, um direkt Kontakt mit den
Zapatistas in ihrem Gebiet und untereinander zu suchen, um die Hindernisse,
die durch die Bürokratisierung der Bewegung aufgeworfen wurden,
gleichsam zu umsegeln. "Es ist die Absicht, Geschenke zu den
Zapatistischen Gemeinden zu bringen - nicht als ein Almosen, sondern
als ein Zeichen der Wiedererkennung. Wie bei den Argonauten der
Stillen Südsee(12) ist das Geben von Geschenken gemeint,
um die Kommunikation unter gleichen in Gang zu bringen. Eine Dynamik,
welche die Marktökonomie in menschlicher Qualität weit
übersteigt; eine Unternehmung, die Profitstreben ersetzt durch
Freigebigkeit, durch die Freude des gemeinsamen Teilens." Dank
der Anstrengungen der "FreundInnen des Bootes" aus verschiedenen
Orten in Frankreich, Spanien, Italien, Belgien und den Niederlanden
konnte das kleine rote Segelboot La Rêve d'Absolu [der Traum
vom Absoluten] im Frühjahr 1997 von Marseille aus die Überfahrt
nach Mexiko machen. Die ursprüngliche Idee, daß noch
mehr Schiffsreisen folgen sollten, mußten die 'FreundInnen
des Bootes' jedoch fallenlassen. Im Moment muß sich irgendwo
zwischen dem Süden Frankreichs und Spaniens noch eine Wanderausstellung
befinden: "Eine Einladung zum Mitreisen", die das Abenteuer
der Rêve d'Absolu in Europa weitertragen sollte. Es ist die
Absicht, daß an jedem Ort, an dem die Ausstellung gezeigt
wird, durch die BesucherInnen/TeilnehmerInnen dort etwas hinzugefügt
wird, genau so, wie es die Rêve d'Absolu auf ihrer Reise von
Marseille nach Tarifa machte, entlang der Kanarischen und der Kaapverdischen
Inseln usw., durch den Panamakanal zum Stillen Ozean bis nach Chiapas,
Oaxaca, Guerrero und Mexiko-Stadt. "Sie erweitert sich selbst
bei jeder Etappe mit neuen Begegnungen und originellen und abwechslungsreichen
Beiträgen. Sie gibt Gelegenheit zum Knüpfen von Kontakten
zwischen hier und dort, und hier unter uns." (13)
Hier gibt es keine Machtgier, keine Postenjägerei, kein Autoritarismus.
Nur eine Gier nach Wiedererkennung. Aber auch eine Tendenz (um sich
selbst und anderen zu gefallen?), das Projekt nur von seiner besten
Seite sehen zu lassen. Denn auch hier ist die Wirklichkeit weniger
schön als der Traum, den wir nicht verwirklichen konnten.
Die Beiträge in dem Heft, das die Ausstellung begleitet, zeugen
von verschiedenen Formen des Lebens 'im Widerstand', sind interessant,
aber missen Zusammenhang und Perspektive. "Die Gegensätze,
die in den Zapatistischen Gemeinden und in der mexikanischen Gesellschaft
bestehen, kommen in den dafür vorgesehenen Blattseiten nicht
groß an die Reihe", räumen die MitarbeiterInnen
in ihrem Nachwort ein. Ich kann mich nicht dem Eindruck entziehen,
daß sie den Gegensätzen nicht gewachsen waren, nicht
imstande waren, dem eine vernünftige Kritik gegenüberzustellen,
befangen durch eine gewisse 'Bewunderung', einen Hang zum 'something
to believe in'. Die MitarbeiterInnen sind sich daüber mehr
oder weniger bewußt: "Dieses Heft kann bei der/dem LeserIn
den Eindruck einer zweifelhaften Art von Optimismus hinterlassen",
schreiben sie selbst.
Aus dem Heft geht zum Beispiel auch hervor, daß die 'direkten'
Kontakte der reisenden 'FreundInnen des Bootes für Chiapas'
zu den Zapatistas in Chiapas zunächst oft auf feierliche Empfänge
örtlicher Honoratioren beschränkt geblieben sind.
Das beschämendste und unbeabsichtigte Ergebnis unserer gemeinsamen
Anstrengungen als "FreundInnen des Bootes" ist wohl das
folgende: Eines der Geschenke, das die Rêve d'Absolu mitführte,
war ein Geschenk unseres Solidaritätskomitees in Amsterdam
an die BewohnerInnen eines besetzten Landsitzes: der "10te
April"(14). Das konnte ihnen "aus Zeitmangel"
nicht direkt gebracht werden, so wie es eigentlich beabsichtigt
war. Monate später hörten wir von einigen begeisterten
AnarchistInnen 'auf Friedensmission' im Lacandona-Wald, daß
sie sich mit dem "Gießen des ersten Betonfußbodens
in 'Der 10te April'... für die im Bau befindliche ... Kirche"
beschäftigt hielten!
Das
Solidaritätskomitee Mexiko aus Amsterdam in Auflösung
Obwohl
durch den Aufstand der Zapatistas im Januar 1994 'ergriffen', war
ich zunächst vor allem skeptisch über die plattformartige
Solidaritätsbewegung, die in den Niederlanden sofort entstand,
wobei allerlei kleine 'Vereine ' mitmachten, aus Prestigegründen
oder einfach, weil es ein 'Hype' war. Obwohl im Januar 1994 alle
im ersten Rundbrief, der damals noch Mexico-nieuwsbrief [Mexiko-Rundbrief,
Anm. d.Ü.] hieß, zugesagt hatten, "in jedem Fall
ein Jahr lang, einmal innerhalb von zwei Monaten zu erscheinen",
um "die spärliche Berichterstattung in der niederländischen
Presse über die Situation in Mexiko und vor allem über
den Aufstand der Zapatistas in Chiapas [zu] ergänzen",
blieben die meisten nach einigen Monaten kurzerhand weg. Sie kündigten
weder ihre Mitarbeit auf noch machten sie öffentlich warum.
Noch haben sie deutlich gemacht, warum sie zunächst fanden,
daß sie Interesse zeigen mußten. Nur Restistencia Mexicana
blieb noch eine Weile mit der Gruppe verbunden, wurde jedoch als
eine Tarnorganisation der ursprünglich maoistischen PROCUP-PDLP
enttarnt und ausgeschlossen. (15)
"Solidarische
Neugierde" - so würde ich das Engagement definieren wollen,
womit ich mich im Juni 94 dem Solidaritätskomitee Mexiko anschloß.
Da kommst du ganz von alleine hinein: du kommst ein Mal vorbei,
du siehst die Menschen damit beschäftigt, Nachrichten zu verarbeiten,
du willst helfen mit übersetzen, du siehst (damals schon!)
jemanden, ohne richtig Lust dazu zu haben einen kleinen Artikel
für das folgende Bulletin eilig zusammenschreiben, du läufst
nicht sofort wieder weg, sondern denkst: die Zapatistas verdienen
etwas besseres. Und du versuchst dies zu tun. Und prompt sitzt du
in der Redaktion. Als ich hinzukam, leerte sich das Komitee bereits.
Nur die Enttarnung von Pablo (von Restistencia Mexicana) als Erzlügner
im Dienste der PROCUP-PdlP habe ich noch mitgemacht (und ich muß
bekennen, daß ich auch darauf reingefallen war).
Seitdem bestand
das völlig inoffizielle Komitee hauptsächlich aus einigen
Individuen. Unabhängig, aber ganz heterogen, was wohl auch
in dem ZAPATA Mexico Nieuwsbrief zum Ausdruck kommt. Das Komitee
war auch völlig offen und neben der ziemlich beständigen
Kerngruppe bestand es aus einer wechselnden Gruppe von SympathisantInnen,
die Aktionen, Benefizveranstaltungen, Infoabende, Radioprogramme
und dergleichen organisierten. Ich gehörte zu der Kerngruppe,
zu denjenigen, die für die Kontinuität sorgten. Mit allen
Konsequenzen davon. In dem Maße, wie sich die Solidaritätsbewegung
international strukturierte (institutionalisierte, bürokratisierte),
bekamen wir ungewollt die Rolle des Kaders aufgedrückt. Was
ziemlich für Dilemmas gesorgt hat. Ein Beispiel solch eines
Dilemmas war unsere unentschlossene Teilnahme an der internationalen
Consulta, der großen 'Volkskonsultation' im August/September
1995, zu der die EZLN aufgerufen hatte, und wo es über die
Art und Weise ging, wie es mit der EZLN als bewaffneter Gruppe und/oder
als politischem Faktor im Veränderungsprozeß der (mexikanischen)
Gesellschaft weitergehen sollte. Auf der einen Seite wurden wir
als Teil des Netzwerkes der Solidaritätskomitees von Mexiko
aus aufgerufen, um diese 'Konsultation' in unserer Region zu organisieren.
Auf der anderen Seite gab es ziemliche Meinungsverschiedenheiten
in unserem Komitee über den Sinn dieser Consulta. Ein Teil
unseres Komitees, darunter Jeroen und ich, fanden es überhaupt
keine 'Konsultation', sondern eine abgekartete Sympathiebekundung,
mit Fragen, die so formuliert waren, daß du nur mit 'Ja' antworten
konntest. Wir waren jedoch nicht in der Lage, diese Kritik zu formulieren.
Ich denke, daß hier wohl auch eine gewisse Angst mitgespielt
hat, um die Verantwortung für ein eigensinniges Handeln auf
sich zu nehmen. Und infolgedessen handelten wir so, wie es leider
allzu oft 'Militante' zu tun pflegen: wir schoben unsere Gefühle,
Zweifel und Kritik für ein höheres Ziel beiseite. Ohne
jetzt direkt eine Kampagne zu starten, halfen wir dennoch bei der
Verbreitung dieser Fragebögen. Und in der ZAPATA Nr. 6/7, in
welcher der Fragebogen veröffentlicht wurde, ließen wir
eine Blattseite leer, wo die LeserInnen, um ihren "übrigen
Kommentar und Anmerkungen zu der EZLN und ihrer Volkskonsultation"
gebeten wurden. Wir verhielten uns also 'neutral' und überließen
das Urteil der/dem LeserIn. Nicht, daß wir oder die Zapatistas
da schlauer durch wurden. Wir bekamen kaum Reaktionen, geschweige
denn Kritik.
Und hier stoßen
wir auf einen anderen Aspekt der Rolle des Kaders, der dir aufgezwungen
wird: die Rolle der/des Expertin/Experten, die der Autorität.
Obwohl das Interesse an dem Aufstand der Zapatistas hier unvergleichlich
viel geringer geblieben ist als in anderen Ländern (vor allem
in Südeuropa), ist es doch vor allem die Passivität des
Publikums, was das frustrierendste ist. Einige kommen dann schon
fragen, 'was sie tun können', was doch heißen muß,
daß mensch sich verbunden fühlt, aber danach gibt mensch
sich keine Mühe, sich einigermaßen in die Sache zu vertiefen,
was du doch machen mußt, wenn du wissen willst, was du tust.
Die Verantwortung überlassen wir lieber dem 'Komitee', d. h.,
ein paar Menschen, die sich schon diese Mühe machen und sich
darüber nur zu gerne mit anderen austauschen würden. Wenn
du dich selbst in dem Kampf wiedererkennst, weißt du übrigens
von selbst schon, was du tun kannst und willst. Sobald du dir von
anderen vorschreiben läßt, was du tun sollst, sobald
du andere für dich denken läßt, hast du den Kampf
bereits aufgegeben.
"Wenn wir
als Solidaritätsbewegung noch jemals etwas für sie [die
Zapatistas, die noch immer Widerstand leisten] bedeuten wollen,
werden wir uns dringend in der Kunst der Abschaffung der Politik
vervollkommnen müssen", schrieb ich in der letzen ZAPATA.
Mit diesem Artikel habe ich die Überzeugung noch einmal unterstreichen
und deutlich machen wollen, daß wir auch nicht um die Politik
herumkommen. Jede soziale Bewegung, die wirklich die Welt verbessern
will oder selbst nur einen Aspekt davon, der als besonders dringend
angesehen wird, wird zunächst die Politik gegenüber sich
finden; eine Politik, die versucht, diese Bewegungen zu stoppen
oder versucht, sie aufzufressen. Und dies wird passieren, solange
wir auch nur etwas von unserem Kampf denjenigen überlassen,
die behaupten, uns und unseren Kampf 'vertreten' zu können;
solange wir innerhalb dieser sozialen Bewegung nicht über alles
mitentscheiden und wissen, was wir tun. Wir müssen die Politik
bekämpfen, insofern diese sich von der Bewegung selbst absondert,
um ihren Platz einzunehmen. Wir müssen sie im Sinne Hegels
aufheben, d.h. sie abschaffen, bewahren und auf eine höhere
Ebene bringen. Die Politik wird also abgeschafft in dem Maße,
wie sie eine Politik von allen wird. Sie muß von allen werden.
¡YA
BASTA!
Els van Daele
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Voetnoten:
1 Ideologie: da steckt das Wörtchen 'Idee' drin, von
den Ideen, die immer im und durch den sozialen Kampf
nach oben kommen; aber auch 'logie', was auf etwas wie einen wissenschaftlichen
Anspruch hinweist, der solche Ideen unter den
Nagel reißt, um sie von ihren praktischen Konsequenzen zu
isolieren, und sie in ein System einzubauen, das
sich sozusagen über den konkreten Kampfschauplatz
erhebt, um ihn von oben herab zu lenken. In der Praxis bedeutet
dies, daß politische Parteien, Gewerkschaften
oder neuere Formen von beständigen, abgesonderten Organisationen
diese Ideen aus dem Kampf wie frisches Blut aufsaugen
- 'einen frischen Wind' nennen sie es selbst -, um ihre
Strukturen mit gutgläubigen AnhängerInnen zu verstärken.
Links/die Linke: seit das Parlament besteht, ist
es üblich, daß die Opposition während der Parlamentsdebatten
links von der/dem Vorsitzenden sitzt, und da kommt auch die Bezeichnung
her - auch wenn sich das die/der gemittelt linke
Jüngere, voll von Unzufriedenheit und mit einem großen
Herzen, schon lange nicht mehr bewußt ist.
'Links' verweist auf 'Opposition', wobei es um die Konkurrenz
um die politische Macht geht, anstelle von ihrer Auflösung.
Und was die AnarchistInnen und Zapatistas betrifft:
sie ließen bis jetzt die Macht einfach links (oder rechts)
liegen und verschieben auf diese Weise die Lösung
des Problems auf die Zukunft. Indem 'links' nicht abgewiesen und
angefallen wird, wenn das nötig ist, werden
sie dadurch aufgefressen.
2 Ursprünglich auf englisch als Einleitung bei "Letters
and Communiques from the Zapatista Army for National
Liberation (EZLN)", Oktober 1998. Auch abgedruckt in ZAPATA.
Mexico Nieuwsbrief, Nr. 15, Mai/Juni1999; auf
spanisch im Ekintza Zuzena ins Frühjahrsnummer von 2000, und
auf deutsch im Wildcat-Zirkular 52/53, Juli 1999.
3 Die FZLN, Frente Zapatista de Liberaión Nacional,
entstand auf Initiative der EZLN, der Zapatistischen Armee,
aber ist gleichzeitig davon unabhängig. Sie ist weder der politische
Flügel der EZLN, noch ist die EZLN der bewaffnete
Arm der FZLN. Anfangs eine außerparlamentarische, zivile Organisation,
die die Ziele der Zapatistas unterschrieb: "Libertad,
Justicia, Paz" - Freiheit, Gerechtigkeit, Friede - und das
"alles für alle". In der Praxis zugleich ein Sammelbecken
von allerlei links-politischen Strömungen, die
erkennen, wie groß das Mißtrauen unter der Bevölkerung
gegenüber politischen Parteien ist, und die
auf diese Weise die Unzufriedenen an sich binden wollen, versuchen
wollen, sie zu kanalisieren und im Hinblick auf
die Eroberung der Macht zu mobilisieren. So sind zum Beispiel große
Teile der Vierten Internationale in Mexiko aus
ihrer Partei getreten, um der Führung der FZLN beitreten zu
können. Und aus allerlei Berichten und Erklärungen
dieses Kaders scheint es, daß mensch dieses 'außerparlamentarische'
als etwas vorläufiges ansieht und 'Cuauthémoc Cárdenas
for President' herzlich zujubelt. Sosehr selbst,
daß mensch eine soziale Unruhe (und die ist verglichen mit
den Niederlanden stürmisch), die außerhalb
dieses Rahmens fällt, mißbilligt oder unterstellt, daß
sie 'dem Feind wie gerufen kommen' würde.
Mit der Karawane der 1111 Zapatistas, stellvertretend
für die 1111 zapatistischen Gemeinden in Chiapas,
gelang es der EZLN zwar wiederum die Umzingelung zu durchbrechen,
sei es nur einigermaßen symbolisch. Als
"friedliche Armee" folgt der Aufzug, unterwegs angefüllt
durch zahlreiche SympathisatInnen und VertreterInnen
vieler IndianerInnengemeinden, die auch auf dem Weg zur
Hauptstadt sind, um am Zweiten IndianerInnenkongreß teilzunehmen,
derselben Route wie 1914 Emiliano Zapata und seiner
südlichen Armee bei seinem Triumphzug nach Mexiko-Stadt. Während
jetzt die wichtigste Forderung ist, daß
die Regierung die bereits im Februar 1996 in San Andres unterzeichneten
Abkommen einhält: ein minimales Teilabkommen, daß nur
unterzeichnet wurde, damit die Verhandlungen noch
ein wenig den Schein eines Fortschrittes aufrechterhielten, so minimal
selbst, daß die Zapatistische Delegation
sich schämte, auf dem Foto zu stehen, das die Unterzeichnung
festhalten sollte. (Inzwischen gibt es schon lange
keine Verhandlungen mehr und kein einziges Abkommen
wird eingehalten.) Trotzdem wurden die 1111 maskierten Zapatistas
unterwegs und in Mexiko-Stadt mit offenen Armen
und festlich durch hunderttausende SympatisantInnen empfangen, und
zwischen den vielen Feierlichkeiten, an denen sie teilnehmen sollten
(der Gründungskongreß der FZLN, der
IndianerInnenkongreß, an dem VertreterInnen aller 56 Indianischen
Nationen teilnahmen...) war selbst noch Zeit,
um sich mit ihnen zu verbrüdern.
Auch der Congreso Nacional Indígena ist
aus einem Impuls aus dem Zapatistischen Aufstand heraus entstanden.
Gleichzeitig ist er Ausdruck des jahrhundertelangen Widerstandes
der IndianerInnengemeinden gegen ihre Integration
in die 'westliche Zivilisation' und der stets weitergehenden
Zentralisierung und Gleichschaltung des 'Neoliberalismus'. Der Widerstand,
der sich durch den Aufstand der Zapatistas gestärkt
fühlt; Ausdruck sowohl des sozialen Kampfes der armen - vielfach
indianischen - Bauern und Bäuerinnen um 'Land und Freiheit',
als auch des Kampfes der konservativen, traditionellen
Kräfte für den Erhalt ihrer 'usos y costumbres [Sitten
und Gewohnheiten]'.
4 Marco Consola ist der Führer der Rifondazione Comunista
[Stalinistische Partei; Abspaltung von der PCI,
der Partito Comunista Italiano; Anm. d.Ü.] in Italien, Alain
Krivine war früher mal Präsidentschaftskandidat
der französischen trotzkistischen Partei, Danielle Mitterand...
die kennt ihr sicherlich; drei Mitglieder der
europäischen politischen Elite, die untereinander gemein haben,
daß sie kräftig mitgeholfen haben,
den zapatistischen Aufstand in die Gesellschaft des Spektakels zu
integrieren.
5 Schon bald schien sich das Blutbad von Acteal, wobei (am
22. Dezember 1997) ein paramilitärisches Kommando
mit Maschinengewehren auf eine betende Menge schoß, nicht
nur durch feige Grausamkeit auszuzeichnen, es
war auch das Startzeichen für eine Verstärkung der Repression
in der Form einer 'Entwaffnungskampagne', bei
der die Armee noch tiefer in das Gebiet der Zapatistas und in ihr
tägliches Leben eindrang.
6 Ihre Forderungen klangen einfach, aber wenn du darüber
nachdenkst, sind sie nirgendwo verwirklicht: "Arbeit,
Land, Wohnung, Nahrung, Gesundheit, Bildung, Unabhängigkeit,
Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden." Aus
der ersten Erklärung aus dem Lacandonischen Urwald, vom 1.
Januar 1994.
7 Genannt nach dem Platz, wo während der ersten Mexikanischen
Revolution die Armeen von Pancho Villa und Emiliano
Zapata zum ersten mal im Oktober 1914 zusammenkamen. Es ging darum,
zu einer Einigung zwischen den verschiedenen Armeen
zu kommen, die an dem Krieg gegen das damals herrschende
System beteiligt waren. Zapatistas und Villistas wollten den Plan
von Ayala verwirklichen, einen Plan für drastische
soziale Reformen und kollektives Eigentum, den Zapata bereits 1911
erstellt hatte. Während die Constitucionalistas
vielmehr auf die Eroberung der Macht aus waren. Es gibt fünf
Aguascalientes im Zapatistagebiet; sie fungieren
als Versammlungs- und Festräume, Forschungszentrum,
Bibliothek, Empfangsräume usw.
8 Bericht von der "Fünften Europäischen Zusammenkunft
von Solidaritätsgruppen mit den Zapatistas. Paris,
27. - 28. Januar 1996", in ZAPATA Mexico Nieuwsbrief, Nr. 9/10,
April 1996.
9 Ebenda. Erst kürzlich hörte ich, daß dieselbe
griechische Gruppe nicht im geringsten angetan war von der
nationalistischen Flaggenschau während des Ersten Interkontinentalen
Treffens beziehungsweise 'Intergaláctico'
im Zapatistagebied im Sommer 1996, mit der das Aguascalientes in
Oventic geschmückt war. Und weiterhin, daß
es unter "den GriechInnen" Menschen gab, die überlegt
hatten, alle nationalen Flaggen aus allen Ländern,
aus denen TeilnehmerInnen gekommen waren, anzuzünden. Was
ihnen durch andere GenossInnen schon bald ausgeredet wurde "aus
Respekt vor den Zapatistas, die sie so gastfreundlich
empfangen hatten". Und möglicherweise würde so ein
Skandal tatsächlich von vielen nicht oder
verkehrt verstanden, vor allem in den zapatistischen Gemeinden,
und hätte so eine spontane Aktion einen entgegengesetzten
Effekt gehabt. Aber wenn dieselben 'GriechInnen' damals nicht
sofort ihren ganzen Plan fallen gelassen hätten; wenn sie damals,
mit Text und Erklärung und/oder von Gesang
und Tanz begleitet die griechische Flagge verbrannt hätten,
dann hätten die 'Franzosen/Französinnen'
und die 'Deutschen' und die 'SpanierInnen' usw. sich vielleicht
für ihre Laschheit geschämt und wären
ihrem Vorbild gefolgt, dann wären die Diskussionen womöglich
ganz anders verlaufen, würden viele "MexikanerInnen"
vielleicht weniger hartnäckig 'nationalistisch' zu sein scheinen,
würde wieder ein Stück Herdentrieb überwunden gewesen
sein.
10 Abgedruckt in "¿¡¿Intergaláctico?!?",
ein kritischer Bericht zu den Vorbereitungen des Zweiten Interkontinentalen
Treffens gegen den Neoliberalismus und für die Menschheit,
ZAPATA Mexico Nieuwsbrief, Nr. 13, April
1997. Auch in spanisch auf unserer website : http://www.dds.nl/~noticias/prensa/zapata.
11 "Solidariteitswerk met oogklappen op?", ZAPATA
Mexico Nieuwsbrief, Nr. 13, April 1997. Auch in deutsch
unter dem Titel "Solidaritätsarbeit mit Scheuklappen?"
[auch auf der oben genannten website zu
finden!].
12 Nach der anthroplogischen Studie The Argonauts of the
Western Pacific von Bronislaw Malinowski, über
die Ökonomie des Geschenkes und des Festes, der Kula bei den
Trobrianders in Ost-Neu-
Guinea zur Zeit des Ersten Weltkrieges.
13 Die Gruppe, womit das alles begann und die noch immer
als Kontaktadresse fungiert, heißt Terres à Terres
aus Le Havre. Zu dem Thema verbreiten sie die Bulletins Brèves
und Correspondance sowie das Heft Invitation
au Voyage. Adresse: s/c A.S.T.I.H., 2 rue Amiral Courbet, 76-600
Le Havre. Tel.: 00-33- 235-474308;
Fax: ...-539484.
14 Am 10. April 1994 besetzt, 75 Jahre nach dem Mord an Emiliano
Zapata und "hundert Tage, nachdem unsere
Stimme wieder aus dem Mund der Gewehre von Männern und Frauen
ohne Gesicht ertönt". Ein Porträt
dieser Gemeinde ist als Anhang zu dem Artikel "¿¡¿Intergaláctico?!?"
abgedruckt, siehe Fußnote 10.
15 Die Movimiento Democratico Independiente/Resistencia Mexican
[Unabhängige Demokratische Bewegung/
Mexikanischer Widerstand, Anm. d.Ü.] arbeitete in Deutschland
mit Gruppen zusammen wie Gegen die
Strömung und Buchladen Dimitrov.
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