Solidariteitskomitee Mexico
opgeheven sinds maart 1998, disuelto desde Marzo de 1998

Positive Erwartungen des negativen Denkens

SCHAM war das Gefühl, das den jungen Marx dem Regime gegenüber erfüllte, welches am Vorabend der Revolution von 1848 die Menschheit einengte. Scham gegenüber der schamlosen, beispiellosen Ausbeutung, die mit der Industriellen Revolution einherging. Und Scham natürlich auch gegenüber der Schwächlichkeit, der Eitelkeit, den Intrigen, der Verlogenheit der Opposition, der Linken von damals. "Die Scham ist schon eine Revolution" schrieb er im März 1843 an den skeptischen Arnold Ruge (in den seitdem berühmt gewordenen Deutsch-Französischen Jahrbüchern). Er sah sie als ein nach innen gekehrter Zorn an, die, falls sie sich der gesamten Gesellschaft bemächtigen sollte, ein Löwe wäre, der seine Kräfte vor dem Sprung sammelt. Und er sah es als eine Sache an, die Scham zu vertiefen und zu verbreiten.
Das war nun vor hundertfünfzig Jahre und wer weiß, an welchem Vorabend was für einer Revolution wir im Moment stehen, aber die Scham ist in jeder Hinsicht noch genauso berechtigt: dieselbe schamlose Ausbeutung, aber nun mit unendlich mehr technologischen Mitteln - und vernichtender Kraft; dieselbe Schwächlichkeit, Eitelkeit, Verlogenheit der Opposition, wie 'links' auch immer. Und wir müssen uns um so mehr zutiefst schämen, in dem Maße, wie wir uns weiterhin von der linken Ideologie1 vereinnahmen lassen, von dem leninistischen oder nicht-leninistischen Marxismus bis hin zur Befreiungstheologie, einschließlich des Anarchismus' oder einer Mischung aus all dem, wie es der Zapatismus ist.
Obwohl nach bestimmten Statistiken die Menschen in den Niederlanden im allgemeinen "zufrieden" sind und die Reihen der Unzufriedenen zu schwinden scheinen, gibt es ebensogut Anzeichen, die darauf hinweisen, daß das kritische Bewußtsein zunimmt. Während mensch sich immer weniger durch ihre/seine VertreterInnen vertreten fühlt, beginnt die Institution der Vertretung selbst immer mehr in Mißkredit zu geraten. Nicht nur die ArbeiterInnen sind skeptischer geworden, der Begriff 'Arbeit' selbst hat an Glanz verloren. Es scheint nicht nur immer schwieriger, AktivistInnen auf die Beine zu kriegen, der Aktivismus selbst wird immer mehr ins Visier genommen. Auch hier hat mensch entdeckt, daß die Ideologie etwas falsch gemacht hat. (Es wird langsam Zeit!)

SOLIDARITÄTSKOMITEE IN AUFLÖSUNG

Diesem Zeitgeist völlig entsprechend sind wir innerhalb des Amsterdamer Solidaritätskomitees Mexico - nicht ohne Schmerzen oder Mühen - zu der Schlußfolgerung gekommen, daß die gesamte Solidaritätsbewegung, die anläßlich des Zapatistischen Aufstandes im Januar 1994 entstanden ist, im Laufe der Jahre dermaßen von der zapatistischen Ideologie [siehe Fußnote 1] durchdrungen wurde, daß es besser war, alle organisatorischen Verbindungen damit abzubrechen. Jeroen, einer der drei übrigbleibenden Mitglieder unseres Komitees, schrieb bereits im November 1998 darüber in dem Artikel "Solidarisch zu welchem Preis? Über die Kritiklosigkeit in der Solidaritätsbewegung mit den ZapatistInnen".(2)

Weil ich mit Skepsis, aber auch mit Haut und Haar, an allem teilgenommen habe, finde ich, daß ich mich jetzt nicht lautlos davonschleichen und alles stehen- und liegenlassen kann, auch wenn ich das zugleich gerne wollte. Eine gewisse Müdigkeit, Enttäuschung und vor allem ein Gefühl zu scheitern, hat langsam aber sicher den Platz der ursprünglichen Begeisterung eingenommen. Die Geschichte hat sich wieder einmal wiederholt... wie die soundsovielte menschliche Tragödie. Die SoldatInnen der Zapatistischen Armee, die am 1. Januar 1994 so stolz die papierenen Beweise ihrer Unterdrückung aus dem Rathaus von San Cristóbal auf die Straße warfen, haben sich nun in den Bergen verschanzt und ihre Umzingelung wird jeden Tag erwürgender. Die zapatistischen Gemeinden wehren sich ganz tapfer - mit dem Mut der Verzweiflung - aber können das stetige Vorstoßen der Bundesarmee nicht mehr aufhalten. Jeden Tag dringt die Bundesarmee wieder in neue Dörfer ein, immer tiefer in den Urwald. Jeden Tag werden die zapatistischen Gemeinden wieder ausgesetzt an Demütigungen durch die Armee und an Massaker von privaten Kleinarmeen, die sich wie giftige Pilze aus dem fruchtbaren Boden aus Unmut, aussichtsloser Armut und enttäuschter Erwartungen erheben. Ausländische WahrnemerInnen - ZuschauerInnen - werden immer offener ferngehalten. Die mexikanischen PolitikerInnen nehmen, so, wie es sich geziemt für die VertreterInnen der politischen Ökonomie (die sie als "Neoliberalismus" bezeichnen) große Ausdrücke wie "Souveränität" und "Balkanisierung" in den Mund; ein gefundenes Fressen für ihre europäischen KollegInnen. Vor allem der Ausdruck "Balkanisierung" macht sich natürlich gut in Diskussionen über die "Schändung der Menschenrechte".

Gegen den schönen Schein
In einem vorigen Artikel, "Gegen den schönen Schein", in dem ZAPATA. Mexico Nieuwsbrief, unserem Organ unseres Komitees, konnte ich bereits zu keiner anderen Schlußfolgerung kommen: diese Tragödie ist nicht allein der Grausamkeit des Gegners zu verdanken, sondern auch den Mängeln der gesamten zapatistischen Bewegung, von der CCRI bis zur FZLN und der gesamten Solidaritätsbewegung, einschließlich unseres eigenen Komitees: "Während die ZapatistInnen immer mehr in politische Kompromisse verwickelt werden, rückt der schmutzige Krieg immer weiter vor. Weder die mit viel Publizität umgebene Gründung der FZLN noch die Karawane der 1111 Zapatistas durch ganz Südmexiko zu der Hauptstadt, noch die feierliche Zweite Versammlung des Nationalen IndianerInnenkongresses, die sich allemal Mitte September (1997) (3) in Mexiko-Stadt begegneten, hat das verhindern können. Noch die gesamte zapatistische Bewegung in der übrigen Welt. Weder die Consola's noch die Krivines oder die Mitterands (4), noch das 'Netzwerk', noch selbst der Papst, noch wir haben das Blutbad von Acteal verhindern können. Und werden auch das folgende nicht verhindern." (5) Durch sich dennoch weiterhin kritiklos hinter den stets einschränkender werdenden Forderungen der Zapatistas zu stellen, verschleiert die Solidaritätsbewegung diese grausame Wirklichkeit. Und durch die Institutionalisierung (=Bürokratisierung) der Bewegung ist sie, anstatt ein Mittel zur Kommunikation zu werden, immer mehr ein Hindernis geworden. Und dann ist die Zeit gekommen, um aufzubrechen und andere Wege zu suchen.

Erwartungen und Illusionen
Ich war eine derjenigen, die etwas in dem Aufstand vom 1. Januar 1994 zu erkennen meinten: die ersten Bilder aus San Cristóbal, wo die Menschen auf dem Platz vor dem Rathaus bis zu ihren Knöcheln in den Papieren wateten, welche die Aufständischen nach draußen geworfen hatten, riefen Erinnerungen an frühere Aufstände hervor. Erinnerungen an Bakunin und seine Genossen, die im September 1870 in Lyon das Rathaus stürmten und alle offizielle Papiere aus den Fenstern warfen, um vom Balkon aus die Kommune auszurufen; oder an Malatesta, der 7 Jahre später mit einer Bande Genossen in der Gegend von Neapel in den Monte Matese [Gebiet in Italien] einzog, um mit wehender roter Fahne (die damals noch nicht durch den Marxismus-Leninismus und solchen Theorien verseucht war) dasselbe zu tun und um in einen Dorf nach dem anderen die soziale Revolution zu verkünden; oder an die unzähligen anarchistischen Aufstände in Spanien, denen erst durch Franco und die Unterstützung, die er dabei von allen Staaten erfuhr, ein Ende gemacht wurde... Wir sahen Bilder von Waren aus geplünderten Läden, die auf dem Marktplatz zum Aufsammeln lagen; und bewaffnete Zapatistas, BürgerInnen, Frauen, Kinder, TouristInnen, die in festlicher Stimmung durcheinanderliefen.

IndianerInnen aus dem Süden Mexikos, die sich auf Zapata beriefen, hatten von neuem dem System, unter dem sie noch immer gebückt gingen, seitdem die erste Zapatistische Revolution mißlang, den Krieg erklärt. Mit wenigen Waffen, aber dem Mut, das Abenteuer zu beginnen, schlugen sie eine Bresche in die Mauer der Gleichgültigkeit, hinter der mensch sie lebend begraben wollte (so daß von ihrem Gebiet nach einer Weile nichts anderes mehr übrig bleiben würde als die prächtigen Ruinen von Palenque und Bonampak, verziert mit Ton- und Lichtspielen und in Trachten gesteckte 'Nachkommen der Mayas', und im Hintergrund eine imposante alles - die Landschaft und die Menschen - beherrschende Ölindustrie und Konsorten nach dem Model von PEMEX, die dabei ist, das Gebiet am mexikanischen Golf zu vergiften, und nach dem Model der 'maquiladoras', dem postmodernen ökonomischen Dschungel, der jetzt schon das nördliche Grenzgebiet Mexikos überwuchert).

Überall, wo der Aufstand beginnt, öffnet dieser nie gekannte Perspektiven, ob das nun in Mexiko am 1. Januar 1994 oder in Frankreich im Dezember 1995 ist, oder in Albanien im März 1997 usw. Die Aufstände in Frankreich (nun ja, 'Aufstand'... eher der klitzekleine Beginn von etwas, was vielleicht ein Aufstand hätte werden können) und hauptsächlich in Albanien waren zwar 'spontan' und der Aufstand der Zapatistas war zehn Jahre vorbereitet, mit einer ordentlichen Armee und so - aber das macht den Aufstand nicht weniger legitim und nicht weniger notwendig. Außerdem legte die Armee die Betonung auf ihre Vorläufigkeit und ihre Bereitschaft oder selbst ihr Verlangen, in einen größeren Kampf aufzugehen. Es war sicher ungewöhnlich, daß sich eine Guerillabewegung so explizit von ihrer Avantgarde-Rolle löste. Die Zapatistas erklärten, daß sie nicht auf die Macht aus waren; daß es ihnen nichts ausmachte, wer an die Macht kam; daß sie weiter kämpfen würden bis ihre Forderungen (6) verwirklicht waren; und daß sie das Gelingen ihres Kampfes für unlösbar verbunden sehen mit den Kämpfen von allen. Und dieser Kampf wird immer dringender, nicht nur für sie, sondern für uns alle.

Ich war eine der vielen, die sich angesprochen fühlte durch den Aufruf der Zapatistas, um mit ihnen zu kämpfen und auch zu denken, um ihr Schicksal - und unsere gemeinsame Zukunft - zum Guten zu wenden. Natürlich war ich gleichzeitig auch skeptisch, u.a. über die Tatsache, daß die Zapatistas in all ihren Aufrufen, außer ihrem ersten, ihrer Kriegserklärung, nicht nur alle Völker, sondern auch alle Regierungen der Welt ansprachen. Da schleicht sich in ihrem Versuch zu einem Dialog mit den "Menschen ohne Stimme und ohne Gesicht" bereits eine Doppeldeutigkeit ein. Ich glaubte damals jedoch gleichzeitig, daß die Dynamik der Bewegung solche Widersprüche überwinden könnte. Aber anstelle dessen häuften sich die Doppeldeutigkeiten und Widersprüche.
Wenn du die ZAPATA von vorne bis hinten durchliest, kannst du übrigens merken, daß wir uns daüber allmählich bewußt geworden sind, und infolgedessen auch Stellung bezogen haben. Allerdings mußt du hinterher feststellen, daß wir anfangs sicherlich durch eine gewisse Schüchternheit oder eine andere Form von Unfähigkeit befangen waren, eine direkte Kritik den Zapatistas gegenüber zu formulieren, obwohl uns die Einseitigkeit des Dialoges mit den Zapatistas schon bewußt war. Und daß da der Schuh drückte. Mit Hilfe bestimmter Organisationsstrukturen, über die die 'Linke' [vgl. Fußnote 1] verfügt, versucht sie allgemein die Kommunikation zu bestimmen und auch zu steuern. Seit dem Zusammenbruch des "real-existierenden Sozialismus" und den damit zusammenhängenden Enttäuschungen ist diese morsche 'Linke' [vgl. Fußnote 1] auf der Suche nach ansprechenden Alternativen, um ihr angeschlagenes Image zu stützen. Und auf der Suche danach, wem sie denn ihre Strukturen anbieten kann, so daß ihre 'hohen Tiere' weiterhin auf ihren Posten bleiben können.

Ebenso verhält es sich mit der sogenannten anti-stalinistischen Linken à la Vierte Internationale (die in Mexiko schon seit der Zeit von Trotski mehr Einfluß hatte als anderswo); den vielen RatgeberInnen und VertreterInnen von politischen oder humanitären Organisationen, die den Zapatistas keine andere Perspektive bieten als eine parlamentarische Demokratie; und - nicht zu vergessen - dem linken Flügel der katholischen Kirche, die der 'Befreiungstheologie' unter der rührseligen Führung von Bischof Samuel Ruiz anhängt.

Bereits im August 1994 bei der ersten Nationalen Demokratischen Konvention im Aguascalientes (7) von Guadalupe Tepeyac, im Zapatistagebied, war zu sehen, wie die neue Bewegung in alten Strukturen gefangen wurde. Sechstausend Delegierte aller möglichen Strömungen kamen da zusammen, um über mögliche Alternativen für das nahezu bankrotte Regime zu diskutieren. Während Subcomandante Marcos damals noch die außerparlamentarischen Kräfte betonte, 'die Stimme derjenigen, die keine Stimme haben', und eher den Einfallsreichtum der Millionen Menschen in Anspruch zu nehmen schien, die in ihrem Dorf oder in ihrem Viertel, in der Gruppe oder einzeln mehr oder weniger im Widerstand lebten, wurde der Antiklimax des ganzen Ereignisses der Aufruf, 'gegen die PRI zu stimmen', anstatt Möglichkeiten zu schaffen, um die Parole von 'Land und Freiheit' zu verwirklichen. Hinterher haben wir vernommen, daß die 'Organisation' dieser Konvention auch mächtig ihr bestes getan hat, um alles, was außerparlamentarisch oder irgendwie radikal war, auszuschließen. Und seitdem haben wir immer wieder, bei jedem Ereignis, wozu die Zapatistas die Initiative ergriffen, sehen können (aber dies leider lange nicht immer oder wir haben dies nicht rechtzeitig durchschaut), wie die hier oben beschriebene Linke von sich aus Schlüsselpositionen einnahm, da ihre Strukturen nun einmal bereits bestanden, in den Dörfern, in den Vierteln, in Frauen- und Umweltschutzgruppen usw.; und weil diese Strukturen weder durch die Zapatistas noch durch das Gros ihrer SympatisantInnen zur Diskussion gestellt werden. Mensch denkt, davon Gebrauch machen zu können und wird dadurch benutzt.

Der unkontrollierte Kampf und der Kampf um die Kontrolle
Inzwischen nahm der 'wilde', unkontrollierte Kampf an der Basis im ersten Jahr des Zapatistischen Aufstandes einen mächtigen Aufschwung. In Chiapas, ebenso wie in anderen Bundesstaaten Mexikos wurden enorme Plantagen besetzt und GroßgrundbesitzerInnen durch die LandarbeiterInnen verjagt, die das Heft in die eigene Hand nahmen und sagten, durch die Zapatistas inspiriert zu sein. Inmitten der Kampagne für die Präsidentschaftswahlen von 1994 ließen die Zapatistas durch den Mund Subcomandante Marcos' wissen, daß die Flirterei von der 'demokratischen' PRD und ihren designierten Präsidentschaftskandidaten Cuauthémoc Cardenas nicht dienlich sei. Überall wuchs die Unruhe derart, daß du hoffen konntest, daß diese Dynamik die parlamentarischen Illusionen bald hinwegfegen würde.

Als es den Zapatistas im Dezember 1994 gelang, die Umzingelung ihres Gebietes durch die Bundesarmee zu durchbrechen und in 38 Gemeinden in der Umgebung bei dem feierlichen Ausrufen ihrer eigenen Demokratie anwesend zu sein, als die Situation in Chiapas wackelig wurde und ein BürgerInnenkrieg drohte, zog Cardenas, der die Wahlen (betrügerisch) verloren hat, wieder zum Lacadona-Wald, um dort Marcos zu treffen (und dieses Mal wurde er anscheinend besser empfangen; die Geschichte erzählt nicht, was die zwei sich zu sagen hatten). Javier Elorriaga, der zukünftige Führer der FZLN, spielte sich als Kontaktmann zwischen Subcomandante Marcos und dem damaligen Innenminister Esteban Moctezuma auf. Samuel Ruiz ging selbst, um die Kriegsgefahr zu bannen, in den Hungerstreik.

Aber so etwas machte er nicht, als die Zapatistas am 9. Februar 1995, nachdem sie dem moralischen Druck wiedergegeben hatten und geheimen Besprechungen mit Vertretern der Regierung zugestimmt hatten, plötzlich und auf die heimtückischste Weise als 'TerroristInnen' verfolgt wurden und die Bundesarmee in ihr Gebiet einfiel.

Seit der Invasion ist die Position der Zapatistas gewaltig geschwächt und sie oder zumindest das CCRI-CG der EZLN und ihre WortführerInnen paktieren stets deutlicher mit den erhofften NachfolgerInnen der PRI in Mexiko und mit post-stalinistischen Parteien und dem linken Establishment in Europa.

Die Scheuklappen der 'Solidarität'
Seit der Invasion wuchs auch die Solidarität von denjenigen, die direkt durch den Kampf der Zapatistas 'gerührt' waren oder sich selbst darin wiederfanden. Die ansprechenden Parolen "¡Ya Basta!", "Alles für alle", "Gehorchend befehlen" ließen viele träumen von einer besseren Welt, "in der viele Welten passen". Es entstand eine Art 'Harmoniemodell', eine Bewegung, die in ihrer Allgemeinheit geglaubt hatte, die alten Widersprüche der Linken überwinden zu können, indem sie negiert werden. "Bereits während des ersten Plenums [Ende Januar 1996 in Paris bei dem fünften Zusammentreffen europäischer Gruppen, die sich solidarisch mit den Zapatistas erklärt hatten] kam es zu einer Konfrontation zwischen 'ZentralistInnen' und 'AnarchistInnen' aus Zürich, die jedoch durch die Organisation sofort, noch bevor wir kapiert hatten, was los war, beschwichtigt wurde. (Später hörten wir in allerlei inoffiziellen Gesprächen unerfreuliche Geschichten über Boykott und Bedrohungen, so wie wir dies schon von allerlei stalinistischen Gruppierungen kennen, wenn diese irgendwo ihre Nase in etwas stecken.) Außerdem versuchten diese 'ZentralistInnen' der UMES (Unión Mexicana de Suiza) sich als VertreterInnen des IndianerInnen-Forums zu präsentieren, das Anfang Januar auf Initiative der Zapatistas in San Cristóbal de las Casas gehalten wurde. Aber darauf ging niemand ein. Ich finde, daß solche Gruppen ausgeschlossen werden müssen. Basta!" (8). Viel Resonanz fand solch ein 'basta' allerdings nicht. Selbst die GenossInnen der anarcho-syndikalistischen Solidaridad Directa aus Zürich, die sich in einem heftigen Konkurrenzstreit mit der UMES befindet, wollten diese nicht öffentlich im Stich lassen. (Infolgedessen hat 'das hohe Tier' Gerardo von der UMES inzwischen die Funktion als Vermittler und Vertreter der FZLN in Europa ungehindert erobern können.) Derartige Machenschaften und mitschuldige Toleranz waren leider nicht außergewöhnlich und haben den Ablauf der Zapatistischen Bewegung zu einem großen Teil bestimmt.
Eine der wenigen Ausnahmen dieser Regel war zum Beispiel die griechische Iniciativa de Solidaridad con la Lucha Zapatista, die besonders den Nationalismus der Zapatistas anprangerte und eindringliche Fragen bezüglich der Intentionen der EZLN stellte: "Laßt uns nicht vergessen, daß die Bolschewisten ihre Diktatur mit Parolen wie 'Land, Brot und Friede' sowie 'Alle Macht den Räten' gefestigt haben".(9)

Obwohl sicherlich in den ersten Jahren die freiheitsliebende Tendenz in der Solidaritätsbewegung rund um die Zapatistas groß genug war und es ihr nicht an Ideen fehlte, schien sie unfähig, aus den bestehenden linken Strukturen als auch aus ihrem Gedankengut auszubrechen. Es wurde schon vernünftige Kritik an den Staat, an der Politik und am Militantentum im allgemeinen geübt: "Was wir von der Politik (dem Verfall der menschlichen Verhältnisse) geerbt haben, ist ein menschliches Wesen, das jeder Entscheidungskraft entbehrt, und das von den anderen und sich selbst abgesondert ist, wie in der ArbeitnehmerInnenschaft, dem Lohndienst. Was wiederum die Notwendigkeit eines Staates, einer Hierarchie, von Ideologien und ihrem üblichen Anhang, in der Form von ArmeeanhängerInnen geltend macht. Die linken Militanten formen in diesem Kontext eine oppositionelle Splitterpartei derjenigen, die mit dem Staat vorliebnehmen." So drückten es unsere GenossInnen des Komitees 'Coeuille le Jour [genieße den Augenblick/das Heute]' aus Rouen in ihrem Beitrag zum Intergalático aus. Und so gibt es noch eine ganze Menge Beispiele zu nennen. Aber die Staatsorientierten, die 'Cuba si'-Bewegung, die italienischen 'recycelten' KommunistInnen usw. blieben auch dort und bestimmten in der Folge die Richtung, weil mensch das zuließ. Weil mensch sie als GenossInnen ansah und nicht als GegnerInnen, die solche freiheitsliebenden Ideen nur als 'abweichende Meinungen' sehen können, die sie erst ernst nehmen, wenn ihre Positionen dadurch gefährdet werden.

Diese Positionen sind jedoch überhaupt nicht gefährdet und sie sind nur sporadisch zur Diskussion gestellt worden. So wie es das Collectif Chiapas aus Lüttich tat, als es in einen angeregten Moment bei den Vorbereitungen für eine europäisches 'Intergalático' mit einer Art Manifest daherkam "gegen Formalismus und Rigidität. Gegen die Anfälle der Plenumskrankheit [d.h. einer Wut, alles im Plenum besprechen zu müssen; Anm. d.Ü.], die einer Megaorganisation eigen ist, die alle menschliche Energie und jeden Willen zum Austausch zu ihrem eigenen Gunsten auffrißt [...]. Für ein Interkontinentales Treffen, wo der Zeitraum kein Hindernis für das Wort und die Teilnahme darstellt, ein Interkontinentales Treffen, das den ersten Schritt zu einem Netzwerk des Widerstandes macht, ein Interkontinentales Treffen, dessen 'Schlußfolgerungen' vielfältig, persönlich und nicht im voraus abgefaßt sind. Außerdem, warum Schlußfolgerungen? Warum Absichtserklärungen? Sitzen wir etwa in der UNO oder egal welcher anderen überstaatlichen Institution? Feuer und Flamme all den Papieren! Verschiedene Kollektive haben Pläne, wie sie diese Gelegenheit zum Leben, zum Feiern, zum Machen neuer Entdeckungen ausfüllen wollen. Warum den schmalen Weg der Exklusivität wählen auf Kosten des anderen, menschlichen Weges der Verschiedenheit?" Und auch unser eigenes Komitee fand in einem schriftlichen Beitrag zu einem der 'vorbereitenden Plena', daß "das Zweite Interkontinentale Treffen einen Raum schaffen muß, wo 'diejenigen ohne Stimme' Gedanken austauschen können über die Wirkungen des Neoliberalismus und den konkreten Kampf dagegen [...] einen offenen Raum, um zu reden, nachzudenken und zu träumen über eine Welt ohne Papiere und ohne Grenzen, ohne Gott und ohne Meister, und ohne 'VertreterInnen'." (10)

Anträge so wie die aus Lüttich wurden jedoch überstimmt und schriftliche Beiträge wie die unseren ließ mensch heimlich verschwinden. Und das haben wir zum großen Teil geschehen lassen. Viele haben sich zurückgezogen, einige haben murrend mitgemacht.

Es sollten übrigens keine Mißverständnisse darüber aufkommen, als ob eine libertäre Ideologie irgendeine Garantie für eine weniger autoritäre Haltung bieten würde. Das hat Jeroen zum Beispiel ausgezeichnet in seinem Bericht über die Reibereien mit dem anarchistischen Kollektiv Amor y Rabia [Liebe und Wut, Anm. d.Ü.] aus Mexiko erklärt: unter der Maske der 'direkten Solidarität' wurde in einer IndianerInnengemeinde im zapatistischen Dschungel durch Mitglieder und im Namen dieses Kollektivs ein wenig der Bonze herausgekehrt. "Das traurigste an dieser ganzen Geschichte finde ich nicht so sehr meine eigene Enttäuschung, sondern die Tatsache, daß sowohl die Menschen von Amor y Rabia als auch die Führung der EZLN und Mitglieder von Solidaritätsgruppen dieser Angelegenheit so wenig Bedeutung beigemessen haben. Selbstkritik und Selbstrelativierung sind Eigenschaften, die du selten in der Linken oder in der Solidaritätsbewegung (in welchem Land oder welcher Gruppe dann auch immer) zurückfindest. Es wird höchste Zeit, daß mensch die Scheuklappen abwirft." (11)

Der Traum vom Absoluten
Ein Beispiel einer 'abweichenden Meinung' und zweifellos die 'romantischste' Initiative war das Projekt: Ein Boot.. eine Flotte für Chiapas. Entstanden in der ersten Begeisterung, die durch den Aufstand der Zapatistas ausgelöst war, aus dem Bedürfnis heraus, "die Kommunikation zwischen Europa und Chiapas und zwischen den verschiedenen Erfahrungen und Kampfformen hier zu fördern", wurde es nach und nach eine schräge Manier, um direkt Kontakt mit den Zapatistas in ihrem Gebiet und untereinander zu suchen, um die Hindernisse, die durch die Bürokratisierung der Bewegung aufgeworfen wurden, gleichsam zu umsegeln. "Es ist die Absicht, Geschenke zu den Zapatistischen Gemeinden zu bringen - nicht als ein Almosen, sondern als ein Zeichen der Wiedererkennung. Wie bei den Argonauten der Stillen Südsee(12) ist das Geben von Geschenken gemeint, um die Kommunikation unter gleichen in Gang zu bringen. Eine Dynamik, welche die Marktökonomie in menschlicher Qualität weit übersteigt; eine Unternehmung, die Profitstreben ersetzt durch Freigebigkeit, durch die Freude des gemeinsamen Teilens." Dank der Anstrengungen der "FreundInnen des Bootes" aus verschiedenen Orten in Frankreich, Spanien, Italien, Belgien und den Niederlanden konnte das kleine rote Segelboot La Rêve d'Absolu [der Traum vom Absoluten] im Frühjahr 1997 von Marseille aus die Überfahrt nach Mexiko machen. Die ursprüngliche Idee, daß noch mehr Schiffsreisen folgen sollten, mußten die 'FreundInnen des Bootes' jedoch fallenlassen. Im Moment muß sich irgendwo zwischen dem Süden Frankreichs und Spaniens noch eine Wanderausstellung befinden: "Eine Einladung zum Mitreisen", die das Abenteuer der Rêve d'Absolu in Europa weitertragen sollte. Es ist die Absicht, daß an jedem Ort, an dem die Ausstellung gezeigt wird, durch die BesucherInnen/TeilnehmerInnen dort etwas hinzugefügt wird, genau so, wie es die Rêve d'Absolu auf ihrer Reise von Marseille nach Tarifa machte, entlang der Kanarischen und der Kaapverdischen Inseln usw., durch den Panamakanal zum Stillen Ozean bis nach Chiapas, Oaxaca, Guerrero und Mexiko-Stadt. "Sie erweitert sich selbst bei jeder Etappe mit neuen Begegnungen und originellen und abwechslungsreichen Beiträgen. Sie gibt Gelegenheit zum Knüpfen von Kontakten zwischen hier und dort, und hier unter uns." (13)
Hier gibt es keine Machtgier, keine Postenjägerei, kein Autoritarismus. Nur eine Gier nach Wiedererkennung. Aber auch eine Tendenz (um sich selbst und anderen zu gefallen?), das Projekt nur von seiner besten Seite sehen zu lassen. Denn auch hier ist die Wirklichkeit weniger schön als der Traum, den wir nicht verwirklichen konnten.
Die Beiträge in dem Heft, das die Ausstellung begleitet, zeugen von verschiedenen Formen des Lebens 'im Widerstand', sind interessant, aber missen Zusammenhang und Perspektive. "Die Gegensätze, die in den Zapatistischen Gemeinden und in der mexikanischen Gesellschaft bestehen, kommen in den dafür vorgesehenen Blattseiten nicht groß an die Reihe", räumen die MitarbeiterInnen in ihrem Nachwort ein. Ich kann mich nicht dem Eindruck entziehen, daß sie den Gegensätzen nicht gewachsen waren, nicht imstande waren, dem eine vernünftige Kritik gegenüberzustellen, befangen durch eine gewisse 'Bewunderung', einen Hang zum 'something to believe in'. Die MitarbeiterInnen sind sich daüber mehr oder weniger bewußt: "Dieses Heft kann bei der/dem LeserIn den Eindruck einer zweifelhaften Art von Optimismus hinterlassen", schreiben sie selbst.
Aus dem Heft geht zum Beispiel auch hervor, daß die 'direkten' Kontakte der reisenden 'FreundInnen des Bootes für Chiapas' zu den Zapatistas in Chiapas zunächst oft auf feierliche Empfänge örtlicher Honoratioren beschränkt geblieben sind.
Das beschämendste und unbeabsichtigte Ergebnis unserer gemeinsamen Anstrengungen als "FreundInnen des Bootes" ist wohl das folgende: Eines der Geschenke, das die Rêve d'Absolu mitführte, war ein Geschenk unseres Solidaritätskomitees in Amsterdam an die BewohnerInnen eines besetzten Landsitzes: der "10te April"(14). Das konnte ihnen "aus Zeitmangel" nicht direkt gebracht werden, so wie es eigentlich beabsichtigt war. Monate später hörten wir von einigen begeisterten AnarchistInnen 'auf Friedensmission' im Lacandona-Wald, daß sie sich mit dem "Gießen des ersten Betonfußbodens in 'Der 10te April'... für die im Bau befindliche ... Kirche" beschäftigt hielten!

Das Solidaritätskomitee Mexiko aus Amsterdam in Auflösung
Obwohl durch den Aufstand der Zapatistas im Januar 1994 'ergriffen', war ich zunächst vor allem skeptisch über die plattformartige Solidaritätsbewegung, die in den Niederlanden sofort entstand, wobei allerlei kleine 'Vereine ' mitmachten, aus Prestigegründen oder einfach, weil es ein 'Hype' war. Obwohl im Januar 1994 alle im ersten Rundbrief, der damals noch Mexico-nieuwsbrief [Mexiko-Rundbrief, Anm. d.Ü.] hieß, zugesagt hatten, "in jedem Fall ein Jahr lang, einmal innerhalb von zwei Monaten zu erscheinen", um "die spärliche Berichterstattung in der niederländischen Presse über die Situation in Mexiko und vor allem über den Aufstand der Zapatistas in Chiapas [zu] ergänzen", blieben die meisten nach einigen Monaten kurzerhand weg. Sie kündigten weder ihre Mitarbeit auf noch machten sie öffentlich warum. Noch haben sie deutlich gemacht, warum sie zunächst fanden, daß sie Interesse zeigen mußten. Nur Restistencia Mexicana blieb noch eine Weile mit der Gruppe verbunden, wurde jedoch als eine Tarnorganisation der ursprünglich maoistischen PROCUP-PDLP enttarnt und ausgeschlossen. (15)

"Solidarische Neugierde" - so würde ich das Engagement definieren wollen, womit ich mich im Juni 94 dem Solidaritätskomitee Mexiko anschloß. Da kommst du ganz von alleine hinein: du kommst ein Mal vorbei, du siehst die Menschen damit beschäftigt, Nachrichten zu verarbeiten, du willst helfen mit übersetzen, du siehst (damals schon!) jemanden, ohne richtig Lust dazu zu haben einen kleinen Artikel für das folgende Bulletin eilig zusammenschreiben, du läufst nicht sofort wieder weg, sondern denkst: die Zapatistas verdienen etwas besseres. Und du versuchst dies zu tun. Und prompt sitzt du in der Redaktion. Als ich hinzukam, leerte sich das Komitee bereits. Nur die Enttarnung von Pablo (von Restistencia Mexicana) als Erzlügner im Dienste der PROCUP-PdlP habe ich noch mitgemacht (und ich muß bekennen, daß ich auch darauf reingefallen war).

Seitdem bestand das völlig inoffizielle Komitee hauptsächlich aus einigen Individuen. Unabhängig, aber ganz heterogen, was wohl auch in dem ZAPATA Mexico Nieuwsbrief zum Ausdruck kommt. Das Komitee war auch völlig offen und neben der ziemlich beständigen Kerngruppe bestand es aus einer wechselnden Gruppe von SympathisantInnen, die Aktionen, Benefizveranstaltungen, Infoabende, Radioprogramme und dergleichen organisierten. Ich gehörte zu der Kerngruppe, zu denjenigen, die für die Kontinuität sorgten. Mit allen Konsequenzen davon. In dem Maße, wie sich die Solidaritätsbewegung international strukturierte (institutionalisierte, bürokratisierte), bekamen wir ungewollt die Rolle des Kaders aufgedrückt. Was ziemlich für Dilemmas gesorgt hat. Ein Beispiel solch eines Dilemmas war unsere unentschlossene Teilnahme an der internationalen Consulta, der großen 'Volkskonsultation' im August/September 1995, zu der die EZLN aufgerufen hatte, und wo es über die Art und Weise ging, wie es mit der EZLN als bewaffneter Gruppe und/oder als politischem Faktor im Veränderungsprozeß der (mexikanischen) Gesellschaft weitergehen sollte. Auf der einen Seite wurden wir als Teil des Netzwerkes der Solidaritätskomitees von Mexiko aus aufgerufen, um diese 'Konsultation' in unserer Region zu organisieren. Auf der anderen Seite gab es ziemliche Meinungsverschiedenheiten in unserem Komitee über den Sinn dieser Consulta. Ein Teil unseres Komitees, darunter Jeroen und ich, fanden es überhaupt keine 'Konsultation', sondern eine abgekartete Sympathiebekundung, mit Fragen, die so formuliert waren, daß du nur mit 'Ja' antworten konntest. Wir waren jedoch nicht in der Lage, diese Kritik zu formulieren. Ich denke, daß hier wohl auch eine gewisse Angst mitgespielt hat, um die Verantwortung für ein eigensinniges Handeln auf sich zu nehmen. Und infolgedessen handelten wir so, wie es leider allzu oft 'Militante' zu tun pflegen: wir schoben unsere Gefühle, Zweifel und Kritik für ein höheres Ziel beiseite. Ohne jetzt direkt eine Kampagne zu starten, halfen wir dennoch bei der Verbreitung dieser Fragebögen. Und in der ZAPATA Nr. 6/7, in welcher der Fragebogen veröffentlicht wurde, ließen wir eine Blattseite leer, wo die LeserInnen, um ihren "übrigen Kommentar und Anmerkungen zu der EZLN und ihrer Volkskonsultation" gebeten wurden. Wir verhielten uns also 'neutral' und überließen das Urteil der/dem LeserIn. Nicht, daß wir oder die Zapatistas da schlauer durch wurden. Wir bekamen kaum Reaktionen, geschweige denn Kritik.

Und hier stoßen wir auf einen anderen Aspekt der Rolle des Kaders, der dir aufgezwungen wird: die Rolle der/des Expertin/Experten, die der Autorität. Obwohl das Interesse an dem Aufstand der Zapatistas hier unvergleichlich viel geringer geblieben ist als in anderen Ländern (vor allem in Südeuropa), ist es doch vor allem die Passivität des Publikums, was das frustrierendste ist. Einige kommen dann schon fragen, 'was sie tun können', was doch heißen muß, daß mensch sich verbunden fühlt, aber danach gibt mensch sich keine Mühe, sich einigermaßen in die Sache zu vertiefen, was du doch machen mußt, wenn du wissen willst, was du tust. Die Verantwortung überlassen wir lieber dem 'Komitee', d. h., ein paar Menschen, die sich schon diese Mühe machen und sich darüber nur zu gerne mit anderen austauschen würden. Wenn du dich selbst in dem Kampf wiedererkennst, weißt du übrigens von selbst schon, was du tun kannst und willst. Sobald du dir von anderen vorschreiben läßt, was du tun sollst, sobald du andere für dich denken läßt, hast du den Kampf bereits aufgegeben.

"Wenn wir als Solidaritätsbewegung noch jemals etwas für sie [die Zapatistas, die noch immer Widerstand leisten] bedeuten wollen, werden wir uns dringend in der Kunst der Abschaffung der Politik vervollkommnen müssen", schrieb ich in der letzen ZAPATA. Mit diesem Artikel habe ich die Überzeugung noch einmal unterstreichen und deutlich machen wollen, daß wir auch nicht um die Politik herumkommen. Jede soziale Bewegung, die wirklich die Welt verbessern will oder selbst nur einen Aspekt davon, der als besonders dringend angesehen wird, wird zunächst die Politik gegenüber sich finden; eine Politik, die versucht, diese Bewegungen zu stoppen oder versucht, sie aufzufressen. Und dies wird passieren, solange wir auch nur etwas von unserem Kampf denjenigen überlassen, die behaupten, uns und unseren Kampf 'vertreten' zu können; solange wir innerhalb dieser sozialen Bewegung nicht über alles mitentscheiden und wissen, was wir tun. Wir müssen die Politik bekämpfen, insofern diese sich von der Bewegung selbst absondert, um ihren Platz einzunehmen. Wir müssen sie im Sinne Hegels aufheben, d.h. sie abschaffen, bewahren und auf eine höhere Ebene bringen. Die Politik wird also abgeschafft in dem Maße, wie sie eine Politik von allen wird. Sie muß von allen werden.

¡YA BASTA!

Els van Daele

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Voetnoten:
1 Ideologie: da steckt das Wörtchen 'Idee' drin, von den Ideen, die immer im und durch den sozialen    Kampf nach oben kommen; aber auch 'logie', was auf etwas wie einen wissenschaftlichen Anspruch    hinweist, der solche Ideen unter den Nagel reißt, um sie von ihren praktischen Konsequenzen zu    isolieren, und sie in ein System einzubauen, das sich sozusagen über den konkreten    Kampfschauplatz erhebt, um ihn von oben herab zu lenken. In der Praxis bedeutet dies, daß politische    Parteien, Gewerkschaften oder neuere Formen von beständigen, abgesonderten Organisationen diese    Ideen aus dem Kampf wie frisches Blut aufsaugen - 'einen frischen Wind' nennen sie es selbst -, um    ihre Strukturen mit gutgläubigen AnhängerInnen zu verstärken.
   Links/die Linke: seit das Parlament besteht, ist es üblich, daß die Opposition während der    Parlamentsdebatten links von der/dem Vorsitzenden sitzt, und da kommt auch die Bezeichnung her -    auch wenn sich das die/der gemittelt linke Jüngere, voll von Unzufriedenheit und mit einem großen    Herzen, schon lange nicht mehr bewußt ist. 'Links' verweist auf 'Opposition', wobei es um die    Konkurrenz um die politische Macht geht, anstelle von ihrer Auflösung. Und was die AnarchistInnen    und Zapatistas betrifft: sie ließen bis jetzt die Macht einfach links (oder rechts) liegen und verschieben    auf diese Weise die Lösung des Problems auf die Zukunft. Indem 'links' nicht abgewiesen und    angefallen wird, wenn das nötig ist, werden sie dadurch aufgefressen.
2 Ursprünglich auf englisch als Einleitung bei "Letters and Communiques from the Zapatista Army for    National Liberation (EZLN)", Oktober 1998. Auch abgedruckt in ZAPATA. Mexico Nieuwsbrief, Nr. 15,    Mai/Juni1999; auf spanisch im Ekintza Zuzena ins Frühjahrsnummer von 2000, und auf deutsch im    Wildcat-Zirkular 52/53, Juli 1999.
3 Die FZLN, Frente Zapatista de Liberaión Nacional, entstand auf Initiative der EZLN, der Zapatistischen    Armee, aber ist gleichzeitig davon unabhängig. Sie ist weder der politische Flügel der EZLN, noch ist    die EZLN der bewaffnete Arm der FZLN. Anfangs eine außerparlamentarische, zivile Organisation, die    die Ziele der Zapatistas unterschrieb: "Libertad, Justicia, Paz" - Freiheit, Gerechtigkeit, Friede - und    das "alles für alle". In der Praxis zugleich ein Sammelbecken von allerlei links-politischen Strömungen,    die erkennen, wie groß das Mißtrauen unter der Bevölkerung gegenüber politischen Parteien ist, und    die auf diese Weise die Unzufriedenen an sich binden wollen, versuchen wollen, sie zu kanalisieren    und im Hinblick auf die Eroberung der Macht zu mobilisieren. So sind zum Beispiel große Teile der    Vierten Internationale in Mexiko aus ihrer Partei getreten, um der Führung der FZLN beitreten zu    können. Und aus allerlei Berichten und Erklärungen dieses Kaders scheint es, daß mensch dieses    'außerparlamentarische' als etwas vorläufiges ansieht und 'Cuauthémoc Cárdenas for President'    herzlich zujubelt. Sosehr selbst, daß mensch eine soziale Unruhe (und die ist verglichen mit den    Niederlanden stürmisch), die außerhalb dieses Rahmens fällt, mißbilligt oder unterstellt, daß sie 'dem    Feind wie gerufen kommen' würde.
   Mit der Karawane der 1111 Zapatistas, stellvertretend für die 1111 zapatistischen Gemeinden in    Chiapas, gelang es der EZLN zwar wiederum die Umzingelung zu durchbrechen, sei es nur    einigermaßen symbolisch. Als "friedliche Armee" folgt der Aufzug, unterwegs angefüllt durch    zahlreiche SympathisatInnen und VertreterInnen vieler IndianerInnengemeinden, die auch auf dem Weg    zur Hauptstadt sind, um am Zweiten IndianerInnenkongreß teilzunehmen, derselben Route wie 1914    Emiliano Zapata und seiner südlichen Armee bei seinem Triumphzug nach Mexiko-Stadt. Während    jetzt die wichtigste Forderung ist, daß die Regierung die bereits im Februar 1996 in San Andres    unterzeichneten Abkommen einhält: ein minimales Teilabkommen, daß nur unterzeichnet wurde, damit    die Verhandlungen noch ein wenig den Schein eines Fortschrittes aufrechterhielten, so minimal selbst,    daß die Zapatistische Delegation sich schämte, auf dem Foto zu stehen, das die Unterzeichnung    festhalten sollte. (Inzwischen gibt es schon lange keine Verhandlungen mehr und kein einziges    Abkommen wird eingehalten.) Trotzdem wurden die 1111 maskierten Zapatistas unterwegs und in    Mexiko-Stadt mit offenen Armen und festlich durch hunderttausende SympatisantInnen empfangen,    und zwischen den vielen Feierlichkeiten, an denen sie teilnehmen sollten (der Gründungskongreß der    FZLN, der IndianerInnenkongreß, an dem VertreterInnen aller 56 Indianischen Nationen teilnahmen...)    war selbst noch Zeit, um sich mit ihnen zu verbrüdern.
   Auch der Congreso Nacional Indígena ist aus einem Impuls aus dem Zapatistischen Aufstand heraus    entstanden. Gleichzeitig ist er Ausdruck des jahrhundertelangen Widerstandes der    IndianerInnengemeinden gegen ihre Integration in die 'westliche Zivilisation' und der stets    weitergehenden Zentralisierung und Gleichschaltung des 'Neoliberalismus'. Der Widerstand, der sich    durch den Aufstand der Zapatistas gestärkt fühlt; Ausdruck sowohl des sozialen Kampfes der armen -    vielfach indianischen - Bauern und Bäuerinnen um 'Land und Freiheit', als auch des Kampfes der    konservativen, traditionellen Kräfte für den Erhalt ihrer 'usos y costumbres [Sitten und Gewohnheiten]'.
4 Marco Consola ist der Führer der Rifondazione Comunista [Stalinistische Partei; Abspaltung von der    PCI, der Partito Comunista Italiano; Anm. d.Ü.] in Italien, Alain Krivine war früher mal    Präsidentschaftskandidat der französischen trotzkistischen Partei, Danielle Mitterand... die kennt ihr    sicherlich; drei Mitglieder der europäischen politischen Elite, die untereinander gemein haben, daß sie    kräftig mitgeholfen haben, den zapatistischen Aufstand in die Gesellschaft des Spektakels zu    integrieren.
5 Schon bald schien sich das Blutbad von Acteal, wobei (am 22. Dezember 1997) ein paramilitärisches    Kommando mit Maschinengewehren auf eine betende Menge schoß, nicht nur durch feige    Grausamkeit auszuzeichnen, es war auch das Startzeichen für eine Verstärkung der Repression in der    Form einer 'Entwaffnungskampagne', bei der die Armee noch tiefer in das Gebiet der Zapatistas und in    ihr tägliches Leben eindrang.
6 Ihre Forderungen klangen einfach, aber wenn du darüber nachdenkst, sind sie nirgendwo verwirklicht:    "Arbeit, Land, Wohnung, Nahrung, Gesundheit, Bildung, Unabhängigkeit, Freiheit, Gerechtigkeit und    Frieden." Aus der ersten Erklärung aus dem Lacandonischen Urwald, vom 1. Januar 1994.
7 Genannt nach dem Platz, wo während der ersten Mexikanischen Revolution die Armeen von Pancho    Villa und Emiliano Zapata zum ersten mal im Oktober 1914 zusammenkamen. Es ging darum, zu einer    Einigung zwischen den verschiedenen Armeen zu kommen, die an dem Krieg gegen das damals    herrschende System beteiligt waren. Zapatistas und Villistas wollten den Plan von Ayala verwirklichen,    einen Plan für drastische soziale Reformen und kollektives Eigentum, den Zapata bereits 1911 erstellt    hatte. Während die Constitucionalistas vielmehr auf die Eroberung der Macht aus waren. Es gibt fünf    Aguascalientes im Zapatistagebiet; sie fungieren als Versammlungs- und Festräume,    Forschungszentrum, Bibliothek, Empfangsräume usw.
8 Bericht von der "Fünften Europäischen Zusammenkunft von Solidaritätsgruppen mit den Zapatistas.    Paris, 27. - 28. Januar 1996", in ZAPATA Mexico Nieuwsbrief, Nr. 9/10, April 1996.
9 Ebenda. Erst kürzlich hörte ich, daß dieselbe griechische Gruppe nicht im geringsten angetan war von    der nationalistischen Flaggenschau während des Ersten Interkontinentalen Treffens beziehungsweise    'Intergaláctico' im Zapatistagebied im Sommer 1996, mit der das Aguascalientes in Oventic    geschmückt war. Und weiterhin, daß es unter "den GriechInnen" Menschen gab, die überlegt hatten,    alle nationalen Flaggen aus allen Ländern, aus denen TeilnehmerInnen gekommen waren, anzuzünden.    Was ihnen durch andere GenossInnen schon bald ausgeredet wurde "aus Respekt vor den Zapatistas,    die sie so gastfreundlich empfangen hatten". Und möglicherweise würde so ein Skandal tatsächlich von    vielen nicht oder verkehrt verstanden, vor allem in den zapatistischen Gemeinden, und hätte so eine    spontane Aktion einen entgegengesetzten Effekt gehabt. Aber wenn dieselben 'GriechInnen' damals    nicht sofort ihren ganzen Plan fallen gelassen hätten; wenn sie damals, mit Text und Erklärung    und/oder von Gesang und Tanz begleitet die griechische Flagge verbrannt hätten, dann hätten die    'Franzosen/Französinnen' und die 'Deutschen' und die 'SpanierInnen' usw. sich vielleicht für ihre    Laschheit geschämt und wären ihrem Vorbild gefolgt, dann wären die Diskussionen womöglich ganz    anders verlaufen, würden viele "MexikanerInnen" vielleicht weniger hartnäckig 'nationalistisch' zu sein    scheinen, würde wieder ein Stück Herdentrieb überwunden gewesen sein.
10 Abgedruckt in "¿¡¿Intergaláctico?!?", ein kritischer Bericht zu den Vorbereitungen des Zweiten     Interkontinentalen Treffens gegen den Neoliberalismus und für die Menschheit, ZAPATA Mexico     Nieuwsbrief, Nr. 13, April 1997. Auch in spanisch auf unserer website :     http://www.dds.nl/~noticias/prensa/zapata.
11 "Solidariteitswerk met oogklappen op?", ZAPATA Mexico Nieuwsbrief, Nr. 13, April 1997. Auch in     deutsch unter dem Titel "Solidaritätsarbeit mit Scheuklappen?" [auch auf der oben genannten website     zu finden!].
12 Nach der anthroplogischen Studie The Argonauts of the Western Pacific von Bronislaw Malinowski,      über die Ökonomie des Geschenkes und des Festes, der Kula bei den Trobrianders in Ost-Neu-
     Guinea zur Zeit des Ersten Weltkrieges.
13 Die Gruppe, womit das alles begann und die noch immer als Kontaktadresse fungiert, heißt Terres à     Terres aus Le Havre. Zu dem Thema verbreiten sie die Bulletins Brèves und Correspondance sowie     das Heft Invitation au Voyage. Adresse: s/c A.S.T.I.H., 2 rue Amiral Courbet, 76-600 Le Havre. Tel.:     00-33-  235-474308; Fax: ...-539484.
14 Am 10. April 1994 besetzt, 75 Jahre nach dem Mord an Emiliano Zapata und "hundert Tage, nachdem     unsere Stimme wieder aus dem Mund der Gewehre von Männern und Frauen ohne Gesicht ertönt".     Ein Porträt dieser Gemeinde ist als Anhang zu dem Artikel "¿¡¿Intergaláctico?!?" abgedruckt, siehe     Fußnote 10.
15 Die Movimiento Democratico Independiente/Resistencia Mexican [Unabhängige Demokratische      Bewegung/ Mexikanischer Widerstand, Anm. d.Ü.] arbeitete in Deutschland mit Gruppen zusammen      wie Gegen die Strömung und Buchladen Dimitrov.



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